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Turboabitur

Die Diskussion über die scheinbar perfekte Schuldauer zur Erlangung der Allgemeinen Hochschulreife ist eine Diskussion, die vermutlich nie enden wird. Und vor allem: sie wird immer wieder geführt. Aktuell wieder in Niedersachsen.

Ich entdeckte eine Sendung in der ARD vom 23.08.2014: „Viel gepaukt – wenig behalten (Warum das Turbo-Abi G8 auf der Kippe steht)”

Zunächst erst einmal finde ich es schade, dass das Abitur nach 12 Schuljahren („G8”) mit dem Begriff „Turbi-Abitur” deskreditiert wird. Ich mag bei dem Punkt möglicherweise sensibel sein, aber ich gehöre zu den Menschen, die bereits nach 12 Schuljahren ein Abitur in den Händen halten durften. Ich bin sogesehen durch meine Erfahrung geprägt. Es mögen sich manche G9-Verfechter nicht vorstellen können, aber ich war damit alles andere als unglücklich, im Gegenteil: für mich ging das Abitur einher mit der Volljährigkeit. Und das heißt: Raus aus der Schulbahn und rein ins Leben! Liebe Eltern, fragt mal eure 19-jährigen Schulkinder, wie die so denken!

Und, auch das mögen sich manche G9-Verfechter ebenso nicht vorstellen, all das war möglich, ohne in irgendeinem Schuljahr mehr als 32 Wochenstunden zu haben. Nix 35, 37 oder gar 38 Wochenstunden. Oder Ganztagsbetreuung. Stressig war es in der abschließenden Abiphase durchaus – aber nicht durchgehend. Es gab auch Arbeitsgemeinschaften und diverse zusätzliche Angebote an meiner Schule. Sport, Theater, Schülerzeitung, Schülerradio. Kein Sportverein monierte über mangelnde Mitglieder aufgrund der Schuldauer.

Die nun aus Rundfunkbeiträgen finanzierte Dokumentation ist einfach nur enttäuschend und substanzlos!

Dreimal wird dem gespannten Zuschauer der Begriff Bulimie-Lernen erklärt. Ich hatte G8 – und kannte ihn nicht. Irgendein Experte erklärt das G8 für gesundheitsgefährdend (ca. 07:40). Ein Forscher aus Ulm erklärt, warum der Lehrplan so wie er ist blöd ist (aber es wird nicht deutlich, warum das bei G8 grundsätzlich nicht anders gehen soll). Dann haben Universitäten und Hochschulen nun Brückenkurse. Gab es auch schon 2001 bei mir. Die hatten aber nicht den Zweck, unser damaliges Turbo-G8 abzufedern, sondern die Differenzen zwischen den Lehrplänen der 16 Bundesländer auszubalancieren. Bei 19:10 wunderte sich ein Professor über das fehlende „vertiefte, verstandene Fachwissen” seiner meist nun 17 jährigen (!) Ersties.

Nun sollte man die Doku nicht zu schnell überspringen, sonst verpasst man bei 23:10 die Stadtsilhouette von Dresden. Fein, in Dresden läuft’s – so die Quintessenz. Ein Dresdner Lehrer vermutet, dass bei bestimmten Themengebieten stärker selektiert wird. Aber für detaillierte Fragen fehlt halt die Zeit, weil gegen Ende noch die revolutionierenden Schwaben gezeigt werden müssen, die nun gemeinsam die Gemeinschaftsschulen stürmen.

Wenn ich mir die Debatte so verfolge, sehe ich vor allem zwei Probleme:

Bedeutung des Gymnasiums

Das eine Problem sehe ich in der Bedeutung, die dem Gymnasium zugesprochen wird. Das Gymnasium hat die eigentliche Aufgabe, auf ein Studium vorzubereiten. Es soll den Zugang zu Universitäten und Fachhochschulen öffnen. Das Abitur heißt deshalb auch „Allgemeine Hochschulreife”.

Doch oft wird das Abitur einfach als Messlatte genommen, die irgendwie jeder zu meistern hat. Das wird zum einen deutlich, dass es Ausbildungsberufe gibt, die das Abitur erfordern. Das wurde mir andererseits auch speziell in Hamburg durch die Debatte beim sogenannten Hamburger Spießbürgerentscheid deutlich:

Wir wollen … unser freies Elternwahlrecht wie bisher nach der 4. Klasse ausüben

Den Initiatoren ging es damals nicht um das Wohl ihrer Kinder, sondern um den gesellschaftlichen Status. Es gehörte zum guten Ton, das Kind auf ein Gymnasium zu schicken – ganz gleich, ob es da gut aufgehoben ist und den Neigungen und Fähigkeiten des Kindes entspricht. Abgestimmt haben die Hamburger dann nur noch in der Frage, ob die Prestige-Gymnasiasten möglichst schnell vom Realschul-Pöbel getrennt werden sollen, so der O-Ton der Abstimmungsbroschüre. Das Gymnasium soll kein Status-Symbol sein. Kein Mercedes unter den Schularten.

Vorsichtig ausgedrückt eignet sich G8 als hervorragender Sündenbock. Auch beispielsweise für den steigenden Numerus-Clausus-Notendruck (Siehe Doku bei 07:20).

(Wenn wir diesen Trend beschleunigen und eine Gymnasialquote von ~100% anstreben, haben wir das Schulsystem der DDR durch die Hintertür eingeführt und den Spießbürgerentscheid ungemein torpetiert. Das Bestehen der 10. Klasse im sächsischen G8 heißt automatisch mittlere Reife.)

Reibungsverluste bei der Umstellung

Das zweite Problem ist durch die Politik hausgemacht. Wie so oft: Ein Parlament entscheidet etwas – und vergisst, dass es mit dieser Entscheidung noch lange nicht getan ist. Jede Änderung an der Schuldauer zieht zwangsweise eine Anpassung der Lehrpläne nach sich. Und sollen diese gut werden, kostet das natürlich Personal und folglich auch Geld.

Wenn nun die Verwaltung die zusätzliche Aufgabe, sämtliche Lehrpläne umzustellen bekommt, dies aber nicht in Form von Stellen honoriert wird, dann kann sich jeder vorstellen, wieviel Engagement die Schulbehörden da hineinstecken. Gut, sie hätten im Eifer des Gefechtes Sachsen oder Thüringen kopieren können. Wenn man aber nur die Kompresse ansetzt, und vorhandenes auf die zur Verfügung stehenden Jahre verteilt, kommt eben kein G8 heraus, sondern eine Art gestauchtes G9.

Und jede Umstellung verursacht Reibung.

Wo sollte es hingehen?

Ich vertraue im Bildungsbereich zunächst keiner Statistik, die ich nicht selbst gefälscht habe. Ich habe den Eindruck, gerade bei Studien zu Lernerfolgen der Schülern lassen sich die Probanden sehr gezielt heraus extrahieren. Auch Umfragen zu G8/G9-Präferenzen sind häufig von Enttäuschungen der aktuellen Umsetzung geprägt.

Ferner sollte man sich nicht von der medialen Manipulation leiten lassen, wenn im Zusammenhang mit G8 zermürbte Kindsgesichter zu sehen sind.

Für mich sind in der Debatte drei Aspekte ausschlaggebend:

  • Das G8 in Sachsen und Thüringen ist ein Indiz, dass es funktioniert. Und ich habe in all den Jahren keine einzige Debatte in diesen Ländern mitbekommen, die die Schuldauer in Frage stellte (genauso wie das G9 in einigen anderen Bundesländern funktionierte).
  • Eine Verlängerung der Schuldauer um ein Jahr nimmt den Abiturienten in ihrer weiteren Lebensgestaltung ein Jahr weg. Je nach individueller Lebenserwartung ca. 1,2% ihrer Gesamtlebenszeit. Häufig wird nur in Richtung Wirtschaft argumentiert, aber um die geht es nicht: es geht darum, selber eher zu entscheiden, wie der weitere Weg aussehen wird. Es geht letztendlich um die selbstbestimmte Freiheit. Die Freien Wähler in Sachsen nennen es Jahresvorsprung gegenüber den G9-Ländern. Das sollte als Chance verstanden werden.
  • Wenn dieses Jahr den Abiturienten weggenommen werden soll, braucht es gute Gründe. In Einzelfällen mögen die sicherlich gegeben sein, aber nicht generell und für ganze Bundesländer. Und nur weil man’s nicht richtig machte, ist nur ein Grund, es nun besser zu machen.

Daher unterstütze ich Initiativen, die sich für G8 in einer Form einsetzen, mit denen Schüler, Eltern und Lehrer leben können.

Anmerkung: Die Berliner Piraten fordern die Fließende Schullaufbahn im Wahlprogramm. Die Idee dahinter ist, die festen Klassen aufzulösen und durch Kurse zu ersetzen. Zweifelsohne eine schöne Vision – aber letztendlich liegt da auch ein bestimmter Lehrplan zu Grunde, der für eine bestimmte Anzahl von Jahren gedacht ist (im Studium nennt sich das Regelstudienzeit). Und an der Stelle muss man sich auch hier für G8 oder G9 (oder G8,5 oder G5+Pi oder…) entscheiden.

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