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zur falschen Zeit am falschen Ort

Zwiebelfisch: Nein, zweimal nein

Zugegeben zähle ich auch zu der Minderheit, die die deutsche Sprache gerne auch etwas logischer betrachten, als sie eigentlich sein sollte. Aber nicht immer, eigentlich nur gegenüber Informatikern und Mathematikern — und Personen, die einen ausgeprägten Sinn für Logik haben. Dem Artikel von Bastian Sick entnehme ich, daß man das Experiment auch bei Linguistikstudenten anwenden kann!

Das erste Fallbeispiel läßt sich sehr gut nachvollziehen, daß der Hinweis — wenn man sich den Satz lang genug auf der Zunge zergehen läßt — genau genommen eine doppelte Negation enthält:

Keine Annahme von Leergut zu keiner Zeit.

Aber schon das zweite Beispiel ist falsch:

Wer zur falschen Zeit am falschen Ort ist, müsste doch eigentlich genau richtig sein.

Die eigentliche Aussage zwischen dem menschlichen (?) und dem logischen Ansatz ist zwar unterschiedlich, aber nicht entgegengesetzt. Schauen wir ein vereinfachtes Beispiel an und nehmen drei Prüfungstage und drei Prüfungsräume, von denen allerdings nur ein Raum und eine Zeit korrekt ist:

-Raum 1Raum 2Raum 3
Tag 1nur Raum richtigbeides falschbeides falsch
Tag 2beides richtignur Zeit richtignur zeit richtig
Tag 3nur Raum richtigbeides falschbeides falsch

Nun sitzt da Student Paul mit zittrigen Händen am Handy Mobiltelefon und übermittelt seiner Freundin Paula, daß er »zur falschen Zeit am falschen Ort ist«. Nun weiß also Paula, daß Paul nicht im Raum 1 befindet (also bliebe nur Raum 2 und 3 übrig) und das es nicht der zweite Tag ist (also bliebe nur der 1. oder 3. Tag übrig). Ich setze voraus, daß Paula gerade keinen Kalender zur Hand hat, um das zu überprüfen. Also logisch betrachtet legt Paul in diesem Moment keine Prüfung ab (daß während der Prüfung das Telefonieren verboten ist, schließe ich der Logik halber aus).

Der Satz sagt nichts aus, ob er die Prüfung noch ablegen kann (außer er übermittelt die Botschaft zur letztmöglichen Prüfungsmöglichkeit), oder er die Prüfung bereits abgelegt bzw. verschwitzt hat (außer er übermittelt die Botschaft zum erst möglichen Zeitpunkt). Das selbe Problem besteht übrigens auch, wenn Paul zwar im richtigen Prüfungsraum, allerdings zur falschen Prüfungszeit drin war.

Anders sieht es dagegen aus, wenn Paul die Botschaft übermittelt, daß er zur richtigen Prüfungszeit im falschen Raum ist. Paul besitzt nämlich nicht die Möglichkeit, sich zu teilen (mal von Doppelgängern abgesehen). Anders[1] würde es dann aber aussehen, wenn ein Bauer sich beschwert, daß »es zur richtigen Zeit am falschen Ort regnet« (könnte vielleicht ein Nachbarschaftsstreit sein — der eine gönnt es dem anderen nicht).

Würde Paul seiner Freundin übermitteln, daß er glücklicherweise im richtigen Raum zur richtigen Zeit sich befand (und die Prüfung bestanden hat — sonst wäre es sicher nicht glücklich), würde es nicht automatisch bedeuten, daß er sich nicht zuvor bereits einmal geirrt hatte (oder am nächsten Tag den Raum wieder aufsucht, weil es da so urst gemütlich ist). Logisch dagegen falsch wäre die Aussage, wenn Paul sich beschwert, daß er »immer zur falschen Zeit am falschen Ort« ist. Er kann zwar immer am falschen Ort sein, aber exakt einmal muß die Zeit richtig sein (außer der Zeitpunkt liegt vor seiner Geburt oder nach seinem Ableben).

Ein klassischer Fall dieser Logik-Serie fehlt allerdings in dem Artikel: die Kombination! Schauen wir uns beispielsweise die folgende, sehr klassische Frage an:

Zu mir oder zu dir?

Während die »normalen« Menschen diese Frage mit einem »zu mir«, »zu dir«, »weiß nicht« oder »entscheide du« beantworten, gibt es für einen Logiker nur zwei mögliche Antworten:

  • Ja (d.h. eins der beiden Ziele wird anvisiert, unklar ist allerdings nach wie vor welches. Möglich wären auch beide)
  • Nein (Der Logiker hätte demnach entweder kein Interesse mehr oder er ist für einen neutralen Ort, wie z.B. das Auto, die Toilette oder ein Stundenhotel)

Um zu einem Fazit zu kommen: es wird wesentlich weniger Streitereien, wenn man einfach negierte Fragen meidet! Und ganz wichtig: Wer klugscheißen will, sollte es wenigstens auch richtig tun!

Anmerkung:
[1] Beachte, daß ein »anders« vom »anders« logisch gesehen wieder das gleiche bedeuten kann, wie in diesem Fall, aber nicht zwangsweise. Ein altes, chinesisches Sprichwort sagt: »Der Feind des Bösen ist nicht automatisch das Gute« (siehe Beispiel von Antifreeze)

Bisherige Kommentare (1)

Kommentar von Nini

Ich wußte doch, daß der Artikel wie für dich persönlich geschrieben war ;-)

Danke für die sehr aufschlussreiche Erörterung über »falscher Ort, falsche Zeit«. Prof. Hölldobler hätte sicher seine wahre Freude dran (und endlich mal frische Beispiele) ;-)

Aber ich finde, dass dieses »oder« etwas überstrapaziert ist. Klar, zufällig decken sich die binäre logische Funktion, die oder genannt wird, und das normale oder nicht in ihrer Bedeutung. Dennoch ist es eigentlich klar, dass »entweder oder« (oder xor) abgekürzt/gemeint ist... Ist nur gut, um nichtsahnende Mitmenschen zu verwirren *g* ;-)

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