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SPD-Themenabend in Friedenau: "Die Piraten und wir"

Wahnsinn. Die SPD im Berliner Ortsteil Friedenau beschäftigt sich mit den Piraten. Aber ohne Piraten mit aufs Podium einzuladen. Als ich die Einladung »Die Piraten und wir« las, dachte ich an eine Reflexion der dortigen Piraten und ihr Auftreten in der BVV. Doch weit gefehlt. Es soll, wenn ich die Zeitzeugen richtig verstanden habe, nur ein weiterer Abklatsch von alldem gewesen sein, was man eh schon überall liest. Und auch die Pressemeldung der SPD klang nach nichts anderem. Aber Klischees müssen bedient werden:

Davon konnte sich am Dienstagabend auch ein halbes Dutzend Gäste – ausnahmslos Männer — ein Bild machen, die aus den Reihen der Berliner Piratenpartei gekommen waren. Einige stellten sich als Basispiraten vor, andere als Crewkapitäne aus Friedenau und Schöneberg. Einer der Gäste machte dem Klischee alle Ehre und klappte sogleich seinen Rechner auf, als der Referent des Abends, Dr. Christian Demuth, begrüßt wurde.

Dumm nur, daß auf dem Bild der SPD auch eine Piratin zu sehen war.

Anonymes Internet - Die Piraten, Friedman und das bayrische LKA

Spätestens seit der Wahl des Berliner Abgeordnetenhaus sind Piraten gerngesehene Gäste in Talksendungen. Am Anfang war es mal witzig, einen Piraten zu hören. Mittlerweile gibt es fast jede Woche gefühlt ein Dutzend Sendungen. Manchmal muss man sich fremdschämen, manches ist gut und fundiert. Letztendlich wiederholen sich die Muster der Sendungen zu häufig.

Nun hatte ich den Auftritt im »Studio Friedmann« gesehen: »Piraten — Die neuen Helden« (Teil 1 und Teil 2). Nur ein Warnhinweis: die geballte Faust könnte der Mattscheibe bedrohlich nahe kommen.

Die Anmoderation der Sendung war bereits alles andere als neutral — so etwas kennt man sonst nur vom RBB. Der Moderator schoss stets mit scharfer Munition. Er packt sich ein kontroverses Thema und verpackt seine Fragen in einer Form, in der eigentlich nur »Ja« oder »Ja« erwartet. Doch das »Ja« blieb aus, als wiederholte er die Frage mit anderen Worten mit mehr Energie. Nicht selten wendete er das sprachliche Muster, mehrerer sinnverwandter Wörter, die aufeinander aufbauen. Beleidigen, mobben, verletzen, kränken, verleumden — und das alles dank anonymen Netz. Marina nannte gute Gründe, warum ein anonymes Netz wichtig ist. Das wollte er nicht hören. Er brauchte Bestätigung. So auch in der Frage zu den missglückten Aussagen von Hartmut Hase. Peaceman forderte förmlich auf, sich vom Berliner Vorsitzenden zu distanzieren — und ließ es nicht gelten, die genauen Umstände zu kennen. Er wiederholte Fragen, er wechselte spontan die Themen. Und mit fortlaufender Sendung gestikulierte er wie ein Affe (ich möchte keine Proteste von Tierschützern haben!).

Es war ganz sicher keine Quasselsendung. Ein gezielter Beschuss der Piraten war es auch nicht — dazu müsste man den Finger auch in der Wunde führen und nicht zwei Meter neben der Hand vorbeischießen. Es mag allenfalls ein Egotrip für Peaceman.

Der andere Gast, ein bayrischer CSUler, durfte Mr. Peaceman dann zustimmen. Aber sichtlich Freude hatte es ihm auch nicht gemacht. Eine Aussage fand ich allerdings bemerkenswert:

Und es gibt bestimmte Situationen, in denen kann man einen Täter auf die Spur kommen. Aber wenn ich die Anonymität zum schutzwürdigen Ereignis deklariere, das ist ja das Programm der Piraten, gerade zu die Ermittlungen z.B. der Polizei in solchen Straf[??]fällen eher zu behindern, eher auszuschließen, geradezu diese Anonymität schützen und niemand darf da eindringen. Dann meine ich, ist das fatal. Und dann würden ja in der Tat Ermittlungen in solchen Fällen in Zukunft von vornherin untersagt werden.

Dies möchte ich mal mit einem praxistauglichen Beispiel unterlegen.

Am 28.10.2006 schieb jemand unter dem Synonym »The Silly Little Boy« in meinem Beitrag zu den Internetfiltern für Bombenbauanleitungen folgenden Text:

Hey Leute ich will ne bombe bauen kann mir jemand ne geile Anleitung senden meine Adresse [E-Mail-Adresse]. In der Schule bin ich erst in der achten Klasse und irgendwie kann ich einige Lehrer nicht Leiden . Naja vielleicht alle mit ner Bombe hochjagen :,) (war´n WITZ) Aber ich will  mall was anderes außer Chinaböller hochjagen

Ich entfernte damals vorsorglich alle E-Mail-Adressen und Kontaktmöglichkeiten. Weitere Beachtung schenkte ich dem Stuß nicht.

Zwei Jahre später entdeckte ein bayrischer Polizeibeamter diesen Kommentar. Daraufhin wurde ein Verfahren eingeleitet. Ich wurde als Zeuge eingeladen und durfte beim Berliner Landeskriminalamt eine Aussage machen, ob ich besagten Menschen kenne. Ich spürte förmlich, wie der Beamte den Fall schnell zu den Akten legen wollte. Ihm war vermutlich genau wie mir klar war, dass nach diesem Zeitraum rein gar nichts zu retten war (wenn es überhaupt je etwas zu retten gegeben hätte). Da ich aber bereits in Berlin wohnte, wurde eben die Akte an Berlin gegeben (wie löblich, sonst hätte ich nach München gedurft). Ich möchte nicht wissen, wieviele Manntage in diese Akte geflossen sind.

Nehmen wir an, hier hätte nicht »The Silly Little Boy« geschrieben, sondern jemand mit vollen Vor- und Zunamen sowie Anschrift. Hätte man so eine Expolision verhindert?

Sozialer Brennpunkt mit Zivilgesellschaft

Lesetip: Ein Ort, an dem du sein kannst, wer du bist. Es geht um einen scheinbaren sozialen Brennpunkt in Hamburg. Und um Medien. Und wie Medien diese Brennpunkte verteidigen.

Sie kennen diesen Ort nicht? Aber sicher haben Sie schon von ähnlichen Siedlungen gehört. Nur andere Sachen: 2011 zündeten Jugendliche vor dem Einkaufszentrum im Osdorfer Born einen ehemaligen Imbisswagen an, in dem Kunst gezeigt wurde. 2007 warf eine Frau ihr neugeborenes Baby aus dem zehnten Stock. 2004 gab es Schlägereien zwischen türkischen und russischen Jugendlichen. Und in den Jahrzehnten zuvor waren die Schlagzeilen ähnlich. Das Viertel am Rande der reichen Elbvororte gilt als Paradebeispiel eines sozialen Brennpunktes. »Wenn in einer Siedlung was los ist«, sagt Maria Meier-Hjertqvist, Sprecherin der Initiative Borner Runde, »nimmt man gerne Bilder vom Osdorfer Born, auch wenn es dort nicht passiert ist.«