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Hamburger Volksentscheid über die Schulreform

In Hamburg wird es am kommenden Sonntag einen Volksentscheid über das Bildungssystem geben. Auch wenn mich dieses Thema als Berliner direkt nichts angeht, habe ich mir einmal unvoreingenommen die Abstimmungsbroschüre (und nur die!) zur Hand genommen und mich mit der Materie auseinandergesetzt.

Zunächst einmal muß man sagen: Ja, Hamburg hat mehr Geld. In Berlin gibt es solche Broschüren nur in Schwarz-Weiß und ohne Bilder. Und die machen in beiden Fällen die überwiegende Mehrheit des Heftchen aus.

Worum geht es also? Das Hamburger Parlament, Bürgerschaft genannt, will eine Schulreform. Eines der Knackpunkte ist die Einführung einer gemeinsamen Primarschule (nennen wir sie ruhig weiterhin Grundschule) bis zur sechsten Klasse — anstelle wie bisher zur vierten. Und einzig und allein diese Änderung stößt auf Wiederstand — und dagegen sträuben sich die Initiatoren von »Wir wollen lernen«.

Argumente der Initiatoren

Der erste Teil der Abstimmungsbroschüre ist naturgemäß den Initiatoren gewidmet. Reichlich dumm ist der Name der Initiative gewählt: »Wir wollen lernen«. Denn die, um die es geht, dürfen noch nicht einmal abstimmen — altersbedingt.

Was mir beim Durchblättern als erstes auffällt ist die Seite 6:

Wir wollen ... unser freies Elternwahlrecht wie bisher nach der 4. Klasse ausüben

Daher weht der Wind also. Geht es wirklich um die Schüler? Oder nur um die Befindlichkeiten der Eltern. Mit allein dieser Aussage degradiert sich die Initiative selber. Blättern wir aber noch einmal zurück:

Wollen sie, dass Hamburgs Politiker mit der Einführung der 6-jährigen Primarschule als Zwangsmodell bundesweit in die Isolation treiben? Nein?

Ich mußte eben mich schlau machen, ob Hamburg wirklich das einzige Bundesland ist, was dann eine sechsjährige Grundschule hätte. Nein, dem ist nicht so. Hamburg ist nicht das einzige Bundesland!

Die Schüler stecken in Klasse 7 mitten in der Pubertät. Für viele Kinder, vor allem aber für Jungs, gehen die Leistungskurven in Klasse 7 steil nach unten

Wenn dieses Phänomen erst in der siebenten Klasse auftritt, welchen Unterschied macht es dann eigentlich, ob nach der 4. oder nach der 6. Klasse getrennt wird?

Es ist ein Gerücht, dass es für viele Kinder besser wäre, die Entscheidung über die weiterführende Schule erst nach der 6. Klasse zu treffen: Es existiert kein wissenschaftlicher Nachweis, dass eine Schulempfehlung in der 6. Klasse genauer ist als in der 4. Klasse.

Aber es gibt auch keinen Nachweis, daß eine Trennung nach der 4. Klasse besser ist. Zumindest nennt die Initiative keinen.

Zur Erinnerung: Die bei PISA erfolgreichsten Bundesländer [..] haben alle eine 4-jährige Grundschule.

Jawohl, zur Erinnerung: Finnland steht in Sachen PISA wesentlich besser als Deutschland. Und ja, ähm ... Schultrennung in Finnland? In der DDR gab es diese Schultrennung früher auch nicht, gut. Da gab es noch keine PISA-Studien.

Wir wollen ... dass unsere Steuergelder für bessere Bildung, mehr Lehrer und gut ausgestattete Schulen ausgegeben werden. Und nicht für teure Umbauten.

Ich kann die Broschüre drehen und wenden — die Initiatoren nennen noch nicht einmal eine Hausnummer. Denn mir leuchtet es absolut nicht ein, warum ich bei einer Veränderung der Schulbelegung an die Bausubstanz gehen muß.

Wir wollen ... das für alle Hamburger Kinder Gymnasien in der Nähe bestehen bleiben.

Hätte man noch geschrieben, daß alle weiterführenden Schultypen in der Nähe bleiben: ok. Aber so lese ich hier eine gewisse Spießigkeit heraus.

Sehr viele Lehrer und Schüler müssten aber an die Primärschule wechseln, wenn diese als Zwangsmodell eingeführt werden. Alle Gymnasien würden drunter leiden. Wir befürchten: kleinere Gymnasien müssten vielleicht sogar schließen, auch wenn die Politik immer das Gegenteil behauptet.

Jetzt wird es langsam lächerlich! Es liegt in der Natur der Dinge, daß bei so einer Umstrukturierung auch Lehrer und Schüler wechseln müssen, ebenso werden die Gymnasien kleiner, wenn zwei Schuljahre wegfallen. Aber woher will man bitte die Schulschließung begründen: es ändert sich doch nichts an der Schülerzahl.

Argumente der Bürgerschaft

Drehen wir die Broschüre einmal um. Nach einigen Seiten Bildern und einer Übersichtsliste mit einigen Anstrichen kommt dann — anders als bei den Initiatoren — doch etwas Prosatext. Dieser beschreibt primär die ganze Schulreform, diese steht aber gar nicht zur Debatte. Ich habe teilweise das Gefühl, als handelt es sich hier um völlig verschiedene Bürgerentscheide. Es geht nur um den Zeitpunkt, wann die Schüler in die unterschiedlichen Schultypen aufgeteilt werden.

So werden viele Dinge genannt, die völlig unabhängig vom Streitpunkt sind. Man kann in beiden Fällen die Klassenstärke eindämmen, Englisch ab der 1. Klasse einführen oder das individuelle Fördern unterstützen. Den einzigen Abschnitt, der sich um die streitende Materie handelt, ist folgender:

Das Elternwahlrecht bleibt erhalten. Die Schule gibt lediglich eine Empfehlung aus, die aber deutlich verlässlicher ist als nach den bisherigen 4 Grundschuljahren.

An dem Punkt steht nun Aussage gegen Aussage. Aber es ist meines Erachtens eine Tautologie, daß Einschätzungen genauer werden, je später sie gefällt werden. Aber leider war es das auch schon mit den Argumenten.

Fazit:

Die Initiatoren bringen eindeutig mehr Argumente in die Debatte rein, allerdings wird auch sehr schnell deutlich, daß es denen mit Sicherheit nicht um das Wohl der Schüler geht. Sie nehmen Besitzanspruch am Elternwahlrecht und verteidigen ihre Gymnasien vehement. Wehe, wenn der eigene Nachwuchs nicht schon nach der vierten Klasse aufs Gymnasium gehen darf — gehört ja zum guten Ton im feinen Hamburg. Das und nichts anderes lese ich zwischen den Zeilen der Befürworter.

Die Bürgerschaft enttäuscht leider auch. Es gibt kein Wort zu den Umbaumaßnahmen, kein Wort zu Veränderungen bei den Schultypen. Auch keine Verweise, wo sich etwas etabliert hat. Sie nehmen den Initiatoren leider nicht den Wind aus den Segeln — obwohl sie eigentlich nur einmal sanft pusten müßten.

Ich stehe nach dem Lesen der Broschüre ziemlich ratlos da, ob nun eine Trennung nach vier oder sechs Jahren sinnvoller ist. Rein von den genannten Argumenten kann man nur hoffen, daß die Bürgerschaft den Volksentscheid gewinnt. Ob es am Ende aber besser für Hamburg, ja für das gesamte Bildungssystem ist, bleibt abzuwarten.

Und nun werfe ich zum Abschluß noch einmal einen kleinen Blick in die Presse, da hat schon der erste Artikel aus der Zeit genügt, daß ich mit meiner Einschätzung nicht so falsch liege:

Von der dritten bis zur sechsten Klasse sollen die späteren Gymnasiasten mit den späteren Gesamtschülern gemeinsam unterrichtet werden. In denselben Klassenzimmern sitzen, denselben Lehrern zuhören, dieselbe Luft atmen.

Bisherige Kommentare (10)

Kommentar von Margit Hutter

Hamburgs Reiche haben gewonnen. Die sind nicht gewillt Arme kinder zu fördern. Das ist Faschischisnus pur. [..]

Anmerkung des Seitenbetreibers: Beitrag sehr stark gekürzt, da der folgende Text nichts mehr mit Bildung und Schule zu tun hatte, und zudem eine Kopie von Kapitalismusfehler ist. Wen es interessiert, kann da nachschauen...

Kommentar von Hamburger Jung

Ich hatte nach dem Lesen der Broschüre genau die gegenteilige Meinung. Im »Reformteil« stand nicht wirklich viel tiefsinniges, ganz im Gegenteil zum »initiativen« Teil.

Ich glaube aber eher, dass beim Lesen der Broschüre auch das Umfeld eine Rolle spielt, in der man aufgewachsen ist. Eine gemeinsame Schule für alle kommt im Osten im allgemeinen gut an, im Westen eher nicht. Naja, Hauptsache zum Abi können alle Schüler ihren Namen tanzen... ;-)

Kommentar von René

Der »initiative« Teil ist genauso tiefsinnig wie die Bild-Zeitung. Wahrscheinlich gab es nach dem Wegzug der Zeitung nach Berlin Sehnsüchte ;)

Aber im Ernst: Die Initatoren kamen ja noch nicht einmal auf die Idee, daß die fünfte und sechste Klasse noch eine Orientierungsphase ist — und dort Schüler noch die Möglichkeit haben sollten, zwischen den Schultypen zu wechseln — und das wäre zumindest mal ein Argument mit Tiefgang. Oder ist so eine Möglichkeit in Hamburg nicht gegeben?

Ansonsten muß ich allerdings enttäuschen: ich kenne die DDR-Schule leider nur aus den ersten Jahrgängen. Mit dem Ende der vierten Klasse wurde das Schulsystem umgestellt. Von daher habe ich keine praktische Erfahrung.

Fakt ist: die Initatoren haben mit PISA-Ergebnissen tiefsinnig argumentiert — und wohl übersehen, daß der PISA-Sieger Finnland keine Schultrennung macht. Könnte man den Schluß ziehen, daß die Trennung auch gar keinen Einfluß auf PISA hat.

Von daher hat wohl einfach nur die Angst vor Veränderung gesiegt.

Kommentar von Hamburger Jung

Die Initatoren kamen ja noch nicht einmal auf die Idee, daß die fünfte und sechste Klasse noch eine Orientierungsphase ist – und dort Schüler noch die Möglichkeit haben sollten, zwischen den Schultypen zu wechseln

Warum sollten Schüler zwischen den Schultypen wechseln, wenn es bis zur 6. Klasse sowieso nur eine einzige Schulform gibt?
BTW kann man übrigens auch jetzt schon die Schule wechseln oder — nach dem Realschulabschluss — auf dem Gymnasium das Abitur machen. Was spricht also gegen das bisherige Schulsystem? Wenn ein Kind fälschlicherweise auf ein Gymnasium geht und zu schlecht ist, wiederholt es eben eine Klasse oder wechselt auf eine Realschule. Und komm' jetzt bitte nicht mit Argumenten wie »Dann muss es sich ja wieder in eine neue Klasse integrieren«. Ich kenne genügend (mitlerweile Ex-)Schüler, die sowohl auf- als auch abwärts gewechselt haben. Und nein, die sind nicht verprügelt oder auagestoßen worden.

Kommentar von René

Ich glaube, du hast die Aussage falsch verstanden. Die Initiatoren wollten die Trennung nach der vierten Klasse, die Bürgerschaft argumentiert, daß eine Bildungsempfehlung besser wird, je später sie gefällt wird (was logisch erscheint). Und genau an der Stelle hätte der Keil kommen können: »Ja, aber die Eltern, die sich nach der vierten Klasse irren, haben ja noch bis zur sechsten Klasse die Möglichkeit, diesen Irrtum nahezu folgenfrei zu korrigieren und würden dann nicht schlechter dastehen als bei einer Trennung nach sechs Jahren. Im Gegenteil: sie haben dann schon zwei Jahre Erfahrung, ob es die richtige Entscheidung war«. Tja, haben die Initatoren nicht, schien wohl auch nicht so wichtig gewesen zu sein.

Kommentar von KingOli

Eine sechs Jahre dauernde Grundschule gibt es übrigens bereits in Brandenburg und Berlin; laut einer Studie ohne negative Auswirkungen auf die Leistungen der Schüler.

Aus meiner Sicht führt ein Festhalten an einer frühen Separierung zu einer selten korrigierten Entscheidung über den Abschluss. Die PISA-Studien haben auch gezeigt, dass dadurch eine soziale Selektivität und eine zu geringe Abiturquote erreicht wird. Da kann man später wechseln so oft man will. Die leistungsstarken Vorbilder und Aushängeschilder fehlen den unteren Schultypen.

Allerdings erfordert eine breiteres Leistungsniveau in einer Klasse natürlich auch mehr Aufwand für die Lehrer. In Klassen mit 30 Schülern kann niemand gezielt gefördert werden.

Dass aber kaum Eltern daran interessiert sind, ihre Kinder »sozialen Experimenten« auszusetzen, zeigt sich in Berlin besonders gut: Wer es sich leisten kann, schickt seine Kinder auf kostenpflichtige Privatschulen, wo die Eltern gewissen Garantien über die Mitschüler zu erhalten hoffen. In Hamburg scheinen die meisten Abstimmenden ebenso zu denken.

Kommentar von Hamburger Jung

@Rene: Ich glaube, ich habe die Aussage schon ganz richtig verstanden.
Warum denn nach genau 6 Jahren? Warum nicht nach 7, 8, ... Jahren? Normalerweise ist man in der 6. Klasse in etwa 12 Jahre alt, die Pubertät beginnt. Das heißt, dass zu der Veränderung des eigenen Körpers noch eine neue Schule, neue Klassenkameraden, neue Lehrer und womöglich neue Fächer hinzukommen. Viele Jugendliche sind in der Pubertät eh schon ziemlich überfordert und dann kommt auch noch die Schule dazu... Wie gut, dass ich die Zeit gut überstanden habe.

> laut einer Studie ohne negative Auswirkungen auf die Leistungen der Schüler.
»Ohne negative« heißt aber auch nicht, daß es positive Auswirkungen gibt.

> Die leistungsstarken Vorbilder und Aushängeschilder fehlen den unteren Schultypen.
Andernfalls haben die leistungsstarken Schüler viele negative Vorbilder. Viel von dem, was Kinder lernen, lernen sie von ihrem Umfeld. Und wenn das Durchschnittsniveau der Schüler knapp unter der Teppichkante ist, ist das garantiert alles andere als förderlich.

Wie dem auch sei, ich bin froh über die Entscheidung und anscheinend viele Hamburger auch.

P.S.: René: Dein Blog scheint mit Sonderzeichen Probleme zu haben

Kommentar von René

Bei der von Oli erwähnten Studie scheint es vermutlich um die ELEMENT-Studie zu gehen, zumindest finde ich keine andere zu dem Thema. Bei der bin ich durchaus etwas behalten. Die Verklausulierungen (zumindest im Fazit) sind so verworren, da läßt sich der Aussagegehalt nur zwischen den Zeilen herleiten. Ich hoffe, dazu gibt dazu aber auch mal bessere Studien... und vielleicht berichten ja hier auch mal Berliner oder Brandenburger über die Erfahrungen mit der sechsjährigen Grundschule.

Warum die Debatte nach genau sechs Jahren sich dreht, werde ich wohl nicht beantworten können. Aber würde man es wohl nach sieben Jahren machen, dann würde ein Argument der Iniatoren tatsächlich zutreffend: Hamburgs Isolation.

Was nun wie von leistungsstarken Vorbildern und leistungsschwachen Lausbuben abfärbt, wird man wohl nur spekulieren können. Aber mit den Befürchtungen sind das eindeutige Gründe gegen das in Hamburg hochgelobte Elternwahlrecht. Es würde ja reichen, wenn ein Lausbub entgegen der Leistungen nach dem Willen der Eltern aufs Gymnasium geschickt wird und sich dort überfordert fühlt und — und die anderen von Lernen abhält.

Was die Sonderzeichen angeht: ja, die zerhaut es manchmal. Aber da die Software ohnehin bald abgelöst wird (das habe ich vor fünf Jahren schon geschrieben), löse ich alte tiefsitzende Fehler nicht mehr.

Kommentar von Hamburger Jung

Es würde ja reichen, wenn ein Lausbub entgegen der Leistungen nach dem Willen der Eltern aufs Gymnasium geschickt wird und sich dort überfordert fühlt und — und die anderen von Lernen abhält.

Solche »Lausbuben« halten sich aber erfahrungsgemäß nicht lange auf einer Schule, auf der sie sich überfordert fühlen. Und abgesehen davon ist bei 20 bis 30 Reifen eine Bremse weniger wirksam als 10 oder 15...

Kommentar von KingOli

@René: Ich meine eine Studie des MPI Berlin, die mir leider nicht vorliegt, sondern nur in Artikeln erwähnt wird: http://www.zeit.de/2009/19/B-Grundschuljahre

@Hamburger Jung: »Ohne negative Auswirkungen« bedeutet natürlich nicht, dass es positive Auswirkungen gibt. Aber Du selber stellst die Vermutung in den Raum, dass ein geringeres Gesamtniveau nicht förderlich für die Leistungsträger ist. Die Studie hat nun ergeben, dass die besseren Schüler an beiden Schultypen (Gesamtschule und Gymnasium) mindestens die gleichen Leistungen erbringen. Im Gegenzug verbessern sich aber die Leistungen der anderen Schüler, so dass das Niveau eben nicht knapp unter der Teppichkante liegt — dies ist es nur, wenn die Leistungsstarken aus den Klassen entfernt werden.

Als jemand, der selber ab der fünften Klasse das Gymnasium besucht hat und froh war, einige Mitschüler nicht mehr sehen zu müssen, verstehe ich jedoch die Vorbehalte. Für einige Schüler mag es so schwerer sein, sich in der Klasse durchzusetzen. Das Gesamtniveau profitiert aber ungemein davon.

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