renephoenix.de

PampaApp - Digitalisierung im ländlichen Raum

In meinem Radar tauchte die Pampa-App auf, also eine neue Börse für Mitfahrgelegenheiten. Sicher, der Name ist putzig. Und der Fokus der Plattform ebenso. Die Bundeszentrale für politische Bildung stellt diese App wie folgt vor:

Wie kann Mobilität auf dem Land nachhaltig und digital ermöglicht werden? Die Pampa-App zeigt, wie partizipative Ansätze gelingen können.

Spoiler: So leider nicht!

Das Projekt stellt sich vor

Aber ich lasse zunächst das Projekt für sich selbst sprechen:

pampa ist die Smartphone-App für das gegenseitige Mitnehmen im Dorf und auf dem Land. Gemeinsam können Familien, Berufstätige, junge und ältere Menschen Wege teilen, die sie bisher einzeln im PKW gefahren sind. pampa haben wir entwickelt, um dies so pragmatisch wie möglich zu gestalten. Wir wollen Zeit, Emissionen, Kosten sparen – und gleichzeitig das nachbarschaftliche Miteinander stärken.

Und so mit Video:

Unterstützt wurde das Projekt vom Bundesministerium für Umwelt, Naturschutz und nukleare Sicherheit im Rahmen der Nationalen Klimaschutz-Initiative. Diese App wurde für den Innovationspreis Brandenburg 2019 nominiert:

Von 206 eingereichten Projekten aus Berlin und Brandenburg wurde die Pampa-App als eine der 10 innovativsten Vorhaben für den Innovationspreis Brandenburg 2019 nominiert.

Marktanalyse

Was ist also herausgekommen? Im Grunde eine klassische Börse für Mitfahrgelegenheiten – beschränkt auf eine bestimmte Region.
Zunächst frage ich mich, ob man im Vorfeld solcher Projekte keine Marktanalyse durchführt?

Hätte man sie gemacht, wäre man vermutlich auch auf meine Webseite gestoßen. Seit 2013 führe ich den Friedhof von MFG-Portalen. Also eine Liste, in der Seiten aufgeführt sind, die einst nur das gleiche taten: das Vermitteln von gemeinsamen Fahrten. Und die dann eingestellt worden sind. Die meisten vermutlich wegen zu geringer Nachfrage. Selbst der ADAC versuchte über einen Tochterverein mit MovePlus vor 7 Jahren so eine Börse zu schaffen und scheiterte. Sie dockten dann bei Fahrgemeinschaft an.

Es gibt leider so einen Fluch bei Vermittlungsportalen (im Internet) zur Bildung von Monopolen. Du suchst eine WG? Es gibt im Grunde nur eine Seite. Du suchst eine Immobilie? Na gut, 2 Seiten. Du willst von A nach B – das war bis Anfang 2013 mitfahrgelgenheit.de. Als diese damals obskure Buchungsgebühren einführten, gab es Turbulenzen und eine Vielzahl von MFG-Börsen entstanden überall. Von diesem Gründergeist war schon ein Jahr später wenig geblieben: es bildete sich einen neuer Platzhirsch: blablacar. Während manche das aus Hobby-Projekt machten, hatte blablacar eine dominante Rolle in Frankreich und schaltete viel Werbung. Ich habe bei meinen Fahrten damals kleine Erhebungen gemacht und in 5 Börsen inseriert – und ca. 90% blablacar erhalten. Manche waren überrascht, dass es auch andere Anbieter gab.

Und in diesem Dilemma stecken wir im Grunde wieder: Wo sucht ein Mensch, wenn er von A nach B will? Doch nicht bei einer Plattform, die sich nach einem Jahr für den 500. Download der App feiert (siehe BPB)

Doch genau für dieses Problem gab es schon den richtigen Ansatz: Fahrtfinder. Es ist keine weitere MFG-Börse, es war die Suchmaschine. Eine Seite, die also die verschiedenen Börsen durchforstete – und mir dann alle Treffer auflistet. Später wurden sogar Fernbusse und Bahnfahrten mit integriert. Zwischenzeitlich gab es auch ein halbes Dutzend Suchmaschinen, die aber ebenso schnell verschwunden wie einst gekommen sind.

Aber der Impuls war der richtige: Ich als Fahrer inseriere da, wo es mir am besten gefällt. Du als Mitfahrer suchst da, wo es dir am besten gefällt. Und wir finden uns, weil Start, Ziel, Datum und vielleicht auch die Preisvorstellungen passen. Du bekommst meine Telefonnummer und rufst mich an.

Die ganze Idee krankte vor allem aber daran, dass es keinen Standard zum Austausch mit MFG-Anfragen gibt, kein MFG-XML oder eine festgelegte API. Also werden Webseiten geparst – und das ganze funktioniert nur so lange gut, bis die Seite wieder einmal umgestellt wurde. Ich habe damals vergeblich versucht, zwischen den Leuten, die MFG-Börsen betrieben und denen, die MFG-Maschinen betrieben, zu vermitteln – und mich ärgerten schon damals die unzureichenden Treffermengen.

Als charmant fand ich auch den Ansatz von Fahrgemeinschaft, die beides waren: sowohl Börse (die inserierte Fahrten standen auch den Suchdiensten zur Verfügung) als auch Suchmaschine (bei der Suche bekam ich selbst andere Treffer). Und trotz der erwähnten Rückendeckung vom ADAC kamen sie hierbei nicht sonderlich in Fahrt.

Nun habe ich vor allem über Fernfahrten geredet, bei der Pampa-App geht es vor allem um das Örtliche. Doch bei den MFG-Börsen spielt es nicht die entscheidende Rolle, ob ich Hamburg-Berlin oder Prötzel-Rüdersdorf suche. Höchstens für den Algorithmus, welche nahen Ort mit abgesucht werden.

Hier hatte flinc schon die Finger an der richtigen Stelle gehabt: ihr Algorithmus war schon ausgeklügelt, Umweg-Routen zu ermitteln, um Leute von unterwegs mitzunehmen. Auf dessen Basis bekam ich bei Treffern stets angezeigt, wieviel Umweg, wieviel zusätzliche Reisezeit und was ein fairer Preis unter Berücksichtigung des Umwegs wäre. Leider war auch hier das Grundrauschen zu gering, so dass ich häufig Treffer bekam, die nicht mehr redlich waren. Bei meinem alten Arbeitgeber spielte ich es mal durch: von Eilbek nach Heimfeld – und bekam Eimsbüttel-Altona vorgeschlagen. In soweit kann ich flinc verstehen, wenn sie sich nun auf Betriebe konzentrieren – denn da gibt es zumindest ein gemeinsames Ziel.

Und dann gibt es noch MiFaZ. Wenn ich es mal ganz böse formulieren darf, ist hier die Zielgruppe nicht der Fahrer oder Mitfahrer, sondern die Kommune, die dieses Portal auf ihrer Webseite integrieren darf. Und mit dem Konzept sind sie vor allem in Bayern unterwegs, ich kann jedoch auch außerhalb der MiFaZ-Kommunen Fahrten inserieren. Aber auch hier ein düsteres Bild: Der Landkreis Miltenberg hat sich beispielsweise 2010 davon verabschiedet: für vier darüber vermittelte Fahrten war der Preis von 3.406 Euro zu hoch.

Und daneben gibt es noch weitere Plattformen. Möglicherweise ist auch noch irgendetwas an mir vorbeigefahren. Ich weiß, dass manches auch in Richtung Facebook-Gruppen unterwegs ist. In diesen Spähren war ich nie unterwegs. Aber wer noch gute Hinweise hat: gerne in die Kommentare.

Und nun versuche ich die Pampa-App in diesem Kontext einzuordnen.

Der Test

Ich installiere die App – und verschaffe mir selbst einen Überblick. Die Registrierung erfolgt über die Telefonnummer.

Das erste große Handicap dieser MFG-Börse: die exakte Beschränkung der Funktion auf einen Landkreis mit seinen politischen Grenzen. Also so am Rande von Berlin, wo es noch viel Pendelei in Richtung Hauptstadt gibt, ist Berlin als Zielort nicht auswählbar. Nun lese ich im oben schon erwähnten Artikel der BPB:

Deutschlandweit haben Gemeinden bereits Interesse bekundet, eine ähnliche App für Ihre Gemeinden zu konzipieren. Laut den Macherinnen und Machern der Pampa-App funktioniert es nicht, die vorhandene Plattform einfach um weitere Landkreise und Gemeinden zu erweitern.

Nochmal langsam: Etwas, was viele andere (Hobby-)Anbieter schon seit über einen Jahrzehnt deutschlandweit schafften, bekommt ein Portal nicht gebacken, was in die TOP 10 für einen Innovationspreis zweier Bundesländer rutscht. Seriously? Und nun soll es noch mehr Apps geben?

Nun suche ich also Verbindungen innerhalb des Landkreises. Ich nehme die Kreisstadt Seelow nach Prötzel. Oder Prötzel nach Strausberg. Seelow-Strausberg. Verschiedene Tage. Ich kann den Tag nicht offen lassen. Kann auch das Ziel nicht offen lassen. Egal, was ich mache, ich bekomme keinen Treffer. Das kann derzeit an den Corona-Kontaktbeschränkungen liegen, ich vermute aber nicht nur. Aber ich lasse mich gerne überzeugen, wenn ich Schwarzmaler bin.

Ich stelle selbst zum Test ein Inserat ein. Die Orte sind fest vorgegeben, zu jedem der Orte gibt es einige Treffpunkte. Zwischenhalte sind möglich, aber für jeden Ort der Kette muss ich eine Uhrzeit eingeben (Portale ohne Innovationspreis-TOP10 haben schon vor 7 Jahren die Uhrzeiten an den Zwischenpunkten auf Basis der Distanz vorgeschlagen).

Serientermine, eine Funktion die gerade für pendelnde Menschen von Bedeutung ist, gibt es nicht.

Man kann keinerlei Prosa dazu schreiben, das ist dann doch wieder innovativ. Zumindest kenne ich keine andere Plattform, wo das der Fall ist. In der Praxis stehen da gerne Dinge drin, ob es bspw. ein Nichtraucherfahrzeug ist. Oder wie es mit Tieren oder Gepäck aussieht. Oder auch wo genau der Treffpunkt ist. Oder finanzielle Vorstellungen (und damit meine ich kein Buchungssystem). Die App bietet eine Chat-Funktion, dazu braucht es aber erst einmal einen Kontakt.

Nachdem ich inseriert habe, stelle ich fest, dass das System automatisch von drei freien Sitzplätzen ausgeht. Das kann stimmen, muss aber nicht. Vor allem habe ich danach keine Chance diesen Wert zu ändern. Ich habe überhaupt keine Chance, irgendetwas zu ändern. Nicht einmal die Uhrzeit am Zwischenhalt. Ich kann die Anzeige immerhin wieder löschen. Für eine neue Anzeige merkt er sich die zuletzt gemachten Einstellungen.

Und Pampa funktioniert nur mit der App, sozusagen MobileOnly. Wer lieber zu Hause am großen Rechner in Ruhe seine Fahrten einstellen will, kann das zumindest derzeit nicht.

Fazit

Am Ende des Tages muss man sich fragen, was letztendlich das Ziel des Ganzen ist:

Die Mitfahrapp pampa zeigt dir auf dem Smartphone an, wer deiner Bekannten aus der Nachbarschaft dich mitnehmen kann. So kannst du Fahrtkosten sparen, dich gut unterhalten und Emissionen vermeiden.

Dinge, die alle anderen Plattformen zuvor auch schon mal gesagt haben, nur ohne das Wort Nachbarschaft. Und doch frage ich mich, ob mit diesem Portal wesentlich mehr als die vier Leute vor 10 Jahren mit MiFaZ im Landkreis Miltenberg etwas finden werden.

Schon seit einigen Jahren ist es angesagt, für alles noch einmal eine App zu entwickeln und dies als digital zu brandmarken. Das verstehe ich, doch es bringt die Welt nicht weiter. Wie viele Programmierstunden verbringt man damit, dass dann ne Hand voll Leute mal zusammenfinden werden? Das fragten sich bestimmt auch einige der Menschen hinter den Portalen, die nun im MFG-Friedhof gelistet sind. Und nun der Blickpunkt eben ausschließlich auf einen Landkreis für Quelle und Ziel (und vielleicht künftig noch den einen oder anderen dazu).

Der eigentliche Gordische Knoten ist die kritische Masse. Und diese kann man eben mit Schnittstellen umgehen. Ja, eine MFG-API ist erst einmal nicht hipp, sie ist nicht hipp – aber sie könnte es alle diese Anfragen eben bündeln. Und dann könnte, wenn es unbedingt nötig ist, eine landkreisgebrandete App entwickelt werden. Die könnte bei der ersten Nutzung Treffer anzeigen. Und wenn ich inseriere, könnte dies in einem der anderen Portale veröffentlicht werden, so dass darüber auch Leute die Fahrt finden, die keinen Bock haben, für jeden Landkreis eine eigene App zu installieren.

Ich stehe gerne bereit für Menschen, die unsere Welt in diese Richtung weiter drehen möchten!

Bisherige Kommentare (2)

Kommentar von René

Im Rahmen der Recherche bin ich auf Troodle gestoßen – eine weitere Mitfahrbörse, nur spontaner. Man stellt quasi die Fahrt mit dem Einstieg in ein Fahrzeug ein – in der Hoffnung, dass zufällig andere Personen die selbe Strecke vor sich haben. Es ist also keine klassiche Mitfahrgelegenheit, sondern viel mehr das Trampen 2.0.

Also für Leute, die morgen unbedingt von Hamburg nach Berlin müssen und vielleicht bei der Uhrzeit flexibel sind, ist das System nicht geeignet. Aber für die Leute, die am Horner Kreisel ohnehin warten, könnte es eine Bereicherung sein.

Kommentar von René

Nicht uninteressant: Mitfahrverband. Also ein Verein, der sich wohl diesem Problem annehmen will:

Wir sind ein Zusammenschluss von Unternehmen, Initiativen, Projekten, Personen und sonstigen gesellschaftlichen Kräften.
Wir wollen das gemeinsame Fahren stärken und die vorhandenen Transportkapazitäten besser nutzbar machen.

Ich bin gespannt.

Kommentar verfassen

Freiwillige Angabe
Freiwillige Angabe
Der Text kann mit Textile formatiert werden, z.B. *fett* _kursiv_ "link":url. Wie das geht?
Wieviel ist 40 plus 2?

Bisherige Trackbacks (0)

Es wurde noch kein Trackback empfangen!