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Tourismuskonzept reloaded - dein Treptow-Köpenick

Im November 2013 schrieb ich über die Auftaktveranstaltung für das neue Tourismuskonzept für den Bezirk Treptow-Köpenick. Damals fand die Auftaktveranstaltung mit dem Schwerpunkt Markenentwicklung statt statt. Nach zahlreichen weiteren Workshops (von denen ich auch viele aus zeitlichen Gründen nicht wahrnehmen konnte) nahm ich mir am 24.02. die Zeit, um mir die öffentliche Vorstellung der Marke anzuschauen.

Die Veranstaltung fand im Stadion der Alten Försterei statt. Als zugegebener Fußballabstinenzler war es das erste Mal für mich, dass ich in den Räumen dieses Stadions stand (und wenn ich in meinen Kalender schaue, werde ich in den nächsten Wochen zwei weitere Gelegenheiten dafür haben)

In diesem Beitrag möchte ich die Veranstaltung beschreiben. Zur eigentlichen neuen Marke wird es noch einen weiteren Artikel geben.

Als ich am frühen Morgen das Stadion betrat, war ich von der Menge der anwesenden Gäste durchaus beeindruckt. An die 200 Gäste nahmen teil. Ich kann nicht jedes Gesicht zuordnen, aber viele stammten aus Politik, Verwaltung, Presse, Arbeitsgruppe und Unternehmerschaft.

Die Veranstaltung begann zunächst mit unzähligen Danksagungen. Eine sehr beliebte Redewendung von Mathis Richter, dem Geschäftsführers des Tourismusvereins, war das Danken von Leistungen, die „nicht selbstverständlich waren”. Nachdem viele Grußworte und Begrüßungen gesprochen worden sind, konnte es losgehen.

Burkhard Kieker von visitBerlin referierte über die Zukunftschancen von Regionaltourismus. visitBerlin träumt immer noch vom grenzenlosen Touristenwachstum. Voller Sehnsucht wird im aktuellen Jahr schon 30 Mio Übernachtungen erwartet.

Der Projektleiter Stefan Lübke stellte den Prozess und die Notwendigkeit dar. Was ich allgemein schade finde, dass immer wieder der Prozentwert an Übernachtungen verglichen an allen Übernachtungen in Berlin herangezogen wird (das sind 2,3%). Das finde ich schade, weil diese Zahl absolut keine Relevanz hat. Es ist allenfalls eine Neiddebatte, wie ein Kuchen aufgeteilt wird. Wäre der Kuchen gleichverteilt auf alle Bezirke, wären es auch nur 8%. Und das Zentrum einer Metropole ist immer deutlich nachgefragter als irgendeine noch so attraktive Lage am Stadtrand. So gesehen klingen 2,3% für die Außenlagen gar nicht so dramatisch wenig. Es gibt andere Indikatoren, die wesentlich mehr aussagen. Z.B. die Bettenauslastung.

Es folgte der Redebeitrag von Mathis Richter, der die neue Marke vorstellte. Zugegebenermaßen war dieser Teil für mich nicht neu, denn das wurde bereits im Januar im Wirtschaftsausschuss vorgestellt. Der Vortrag wurde eröffnet mit einem Vergleich zu Schoko-Marken. Ja, klar. Da fällt jedem die lila Kuh von Milka ein. Aber diese lila Kuh macht aus einer schlechten Schokolade noch lange keine Gute.

Aus mir nicht nachvollziehbaren Herleitungen entstand die Idee, den Bezirk zu einer 8-Sterne-Region zu erklären. Also nicht nur 5 wie bei guten Hotels. Und da klingt acht besser als fünf. Und acht, weil acht mögliche Ausrichtungen hinter der Marke stehen sollen. Ich verstehe diese Logik nicht, aber möglicherweise bilden acht schäbige 1-Sterne-Hotels auch ein noch nie dagewesenes 8-Sterne-Hotel ab. Die USA ist übrigens ein 50-Sterne-Staat.

Nun fiel der Vorhang: die neue Marke fungiert unter dem Claim „dein Treptow-Köpenick”. So ein dunkles, kräftiges SPD-Rot. Im Hintergrund schimmert des Emblem des Brandenburger Tors. Ein Schriftartenbruch zwischen dem geschwungenen ‚dein’ und dem Bezirksnamen. Aber seht selbst:

Da es nun eine 8-Sterne-Region ist, gibt es ein Farbschema mit acht kräftigen Farbtönen. So ist der Stern mit dem Namen „Natur erleben” grün. „Wasser genießen” ist blau. „Kultur verstehen” lila.

Es folgte eine Diashow mit Bildern. Es folgte ein Image-Video.

Während das Image-Video lief, fragte ich mich, warum es keine Danksagung an die Marketingagentur gab. Also die Ausführenden. Möglicherweise wegen der Personalunion: der Geschäftsführer des Tourismusvereins ist gleichzeitig auch Geschäftsführer der POT Marketing GmbH, der ausführenden Firma.

Eng verbunden mit der neuen Marke ist auch der Internet-Auftritt des Tourismusvereins. Meines Erachtens war der letzte Relaunch war noch gar nicht so lange her. Man ermittelte eine durchschnittliche Verweildauer von 2:57 Min. Wer mit solchen Zahlen hantiert, hat Internet nicht verstanden. Es gibt keine Möglichkeit, die Verweildauer zu analysieren. Es ist möglich, die Zeitdifferenz zwischen dem ersten und dem letzten HTTP-Request von einer IP-Adresse zu ermitteln. Aber auch hierbei sollte nicht übersehen werden, dass längere Texte auch offline oder gar ausgedruckt gelesen werden können. Ganz abgesehen davon ist eine durchschnittliche Zeitspanne von 2:57 für so eine Seite gar nicht so schlecht (die meisten sind nach eineinhalb Klicks weg und dämpfen den Wert ungemein).

Etwas unwohl fühlte ich mich, als mir erklärt wurde, dass man bei Facebook Möglichkeiten hätte, Meldungen so zu streuen, dass sie Personen bestimmter Einkommensstrukturen erreichen. Vermutlich habe ich das nur falsch verstanden und es ist alles harmlos.

Ein Widerspruch in sich sind die neuen „Insider”-Berichte, in der so genannte Insider-Tips verbreitet werden. Also der Tourismusverein vertreibt Insider-Tips. Und nennt die dann auch noch so. Aber die von Mathis Richter vorgetragene Szene war toll. Ein Schiff legt an und alle stürmen in die gleiche Kirche, weil die im Reiseführer stand. Und er bekommt den Insider-Tip, dass oben auf’n Berg noch ne andere Kirche mit weitaus besseren Ausblick ist. Übertragen auf einen Insider-Bericht würden also künftig alle auf zur oberen Kirche pilgern.

Wie bei solchen Veranstaltungen üblich, drehte sich der Uhrzeiger viel schneller als es im Zeitplan vorgesehen war. Ursprünglich sollte dem Publikum die Gelegenheit für Nachfragen gegeben werden. Letztendlich gab es nur einen Redebeitrag aus dem Publikum, der von Journalist Ralf Drescher (Berliner Woche). Er fragte, warum man sich nicht mal von Treptow im Namen verabschieden könne. Das kam wohl unerwartet. Überraschend.

(Anmerkung: Ich sprach im Nachgang mit ihm. Ihm ging es um die Umbenennung des Bezirks. Davon halte ich nicht so viel. Es ist nun mal eine politische Gliederung, die sich eben auf zwei politische Schwerpunkte konzentriert. Ich bin aber nach wie vor der Meinung, dass die politische Gliederung nicht krampfhaft dem Tourismus übergestülpt werden muss)

Nachdem der Dialog abgebrochen wurde folgte ein schwerer organisatorischer Fehler: Nach gut zwei Stunden Frontalbeschallung ging es nahtlos in eine Podiumsdiskussion über, während die Audienz nach einer Pause lechzte. Das kann man machen, nur wird es dann halt laut und unruhig. Die Podiumsdiskussion war für sich genommen schon originell. Kaum eine Antwort passte zur Frage. Es wollte halt jeder etwas erzählen – und so war es völlig egal, was der Moderator fragte. Warum noch ein SPD-Bundestagsabgeordneter auf das Podium musste, erschloss sich mir nicht. Die Themen gingen durcheinander. Unter anderem ging es auch um das Zweckentfremdungsverbotsgesetz. Laut Igel sind 120 Meldungen dazu eingegangen – in zynischen Worten adressierte er ans Publikum „sie haben ja sicher alles ordnungsgemäß gemeldet”.

Anschließend wurde die Tinte auf vier Verträge gesetzt:

  • Kooperation zwischen dem Tourismusverein Treptow-Köpenick mit dem von Dahme-Spree-Landkreis.
  • Kooperation Tourismusverein Treptow-Köpenick mit visitBerlin
  • Kooperation zur Nutzung der Marke
  • Kooperation eines Wirtschaftssponsors

Der Wirtschaftsponsor, Schadock, war Kunde bei der Firma, die der Geschäftsführer des Tourismusvereins betreibt.

Abschließend folgten wieder viele Gruß- und Dankesworte. Es gab einige, kleine Präsente wie zum Beispiel Weinflaschen.

Zum Abschluss wurde das Buffet eröffnet. Als Leckerli sollte demonstriert werden, wie Treptow-Köpenick schmeckt. Es gab ein kleines Marzipangebäck, auf das das Logo gedruckt worden war. Sie schmeckte nicht. Das Marzipan war süß, aber die Füllung noch süßer. (Aber sonst war das Essen natürlich lecker!)

Ich führte noch einzelne Gespräche. Die Leute vom Mellow-Park bedauern, dass der Sport keine Rolle spielte.

Zum Abschluss gab es eine Tüte mit den bereits erstellten Prospekten und einer Semmeltüte. Natürlich mit Markenlogo.

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