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Bohnsdorfer Kreisel

Die Umgestaltung des Bohnsdorfer Kreisels erhitzt die Gemüter in Bohnsdorf. Nicht zuletzt weil das Bezirksamt die Bürger nicht mitgenommen hat und auch nicht mitnehmen möchte. Dabei geht es um die Umgestaltung eines ortsteilprägenden Verkehrsknotens. Nun soll ein Einwohnerantrag dazu führen, dem Bezirksamt von seinem derzeit als „alternativlos” bezeichneten Entwurf abzubringen. Am 18.04. wurden die Unterschriften im BVV-Büro übergeben.

Der Wortlaut des Einwohnerantrages:

Das Bezirksamt wird ersucht, den Umgestaltungsentwurf des Bezirksamtes insofern zu ändern, dass im Bohnsdorfer Kreisel ein konsequenter Einbahnstraßenverkehr eingerichtet wird und nicht – wie geplant – ein Zweirichtungsverkehr. Die weiteren geplanten Änderungen und Ergänzungen durch Ampeln (harmonisiertes System mit Grünauer Seite) und die Umlegung der Busverkehrshaltestellen auf die S-Bahnseite sind durchaus sinnvoll. Ebenso sollten sichere Möglichkeiten für Fahrradfahrer und Fußgänger geschaffen sowie die geplante Sanierung des Parkplatzes auf Grünauer Seite realisiert werden.

Mein Eindruck vom aktuellen Zustand

Ich bin 2007 nach Berlin gezogen. Ich war anfangs gelegentlich auch über Bohnsdorf zum Ikea nach Waltershof gefahren. Auf dem Weg nach Treptow passiert man den Bohnsdorfer Kreisel auf dem direkten Wege. Als ich das erste Mal in die Gegenrichtung fuhr, war ich von der Verkehrsführung verwirrt. Die Straßenräume sind zudem so gestaltet, dass sie nicht den Eindruck erwecken, einst als Einbahnstraßen errichtet worden zu sein. In der Straße Am Falkenberg hatte ich stets ein mulmiges Gefühl, auf der linken Spur an parkenden Autos vorbei zu fahren. Von daher wirkt der aktuelle Zustand auf mich auch unfertig. Wie eine provisorische Idee, die ewig hält.

Aber machen sie sich doch am besten auch ihr eigenes Bild! Wenn sie nicht vorbeikommen möchten, dann sei neben Google StreetView dieses nahezu tagesaktuelle Video zu empfehlen:

Was sehe ich da noch konkret?

  • Die Bushaltestellen verschlingen viel Platz und die Leute müssen beim Umstieg zur S-Bahn zwei Fahrbahnen queren. Das ist blöd.
  • Die S-Bahn-Unterführung ist ein Nadelöhr – und müsste erweitert werden. Andere Baustelle. Fast schon Utopie!
  • Auf der einen Seite des Bahnhofs gibt es Straßenbahn, auf der anderen Seite Bus. Durch diese Trennung der Verkehrsmittel fehlt eine direkte Verbindung zwischen Bohnsdorf und Grünau (Eine 68A von Köpenick nach Bohnsdorf?1 – Andere Baustelle, gegenwärtig auch Utopie)
  • Radwege fehlen!
  • Der Fahrbahnbelag ist vor allem in der Bruno-Taut-Straße erneuerungsbedürftig.
  • Auf der Ostseite gibt es Zweirichtungsverkehr, die durch Grundstücksausfahrten gespeist wird.

Ich habe ehrlich gesagt keinen Zweifel, dass es hier durchaus Bedarf gibt, einige Dinge zu verbessern und den aktuellen Anforderungen anzupassen.

Richterstraße

Bürger mitnehmen?

Doch wenn man eben diesen Bedarf feststellt, so gilt es auch die Leute mitzunehmen. Stellt euch vor, vor fünf Jahren hätte das Bezirksamt eine Einwohnerversammlung durchgeführt und da gesagt:

Liebe Leute, wir sehen hier den einen und anderen Handlungsbedarf. Wir würden gerne das Umfeld des Bahnhofs verändern und die Umsteigeverbindungen attraktiver machen. Seht ihr auch Bedarf? Was soll geändert werden? Wo drückt euch der Schuh?

Wenn ich allein diese Webseite sehe, so gibt es durchaus auch viele gute Hinweise und Vorschläge, auch verwertbare Kritik (Und ich klammere bei meinem Blick die schmähenden Kommentare gleich aus).

Stattdessen gab es jahrelange Ungewissheit. Und dann folgte eine Einwohnerversammlung. Dort gab es einen Entwurf, der wurde als alternativlos dargestellt. Die Leute wurden nicht mitgenommen. Dadurch entstand Unmut. Dann heizt die Aussage des Bezirksamtes über eine dreijährige Bauzeit zusätzlich die Gemüter an. Das führt nun zum Einwohnerantrag.

Bruno-Taut-Straße

Die Gretchenfrage: Einbahnstraße oder Zweirichtungsweg?

Die Gretchenfrage der gesamten Planung ist dabei, ob die bisherige Einbahnstraßenlösung aufgehoben werden soll. Es mag gute und schlechte Gründe für beide Seiten geben.

Die Zweirichtungslösung führt dazu, dass sich der Durchgangsverkehr (in der Karte die roten Zufahrten) in beide Richtungen zwischen Bahnhof und der Kreuzung zur Buntzelstraße konzentriert. Die anderen Teile werden entlastet. Allerdings beansprucht diese Lösung weitestgehend den heutigen Straßenumfang, so dass viele Parkplätze wegfallen und Radwege nur schwer möglich sind.

Die Einbahnstraßenlösung hat die Chance den Verkehr besser zu gliedern. Allerdings bleibt dabei die derzeitige, eher verwirrende Straßenführung erhalten.

Eine Mittellösung könnte sein, dass der Zweirichtungsverkehr nur im Abschnitt zwischen Bahnhof und Buntzelstraße eingerichtet wird (also Status-Quo mit der Option, vom Adlergestell kommend auch Links abzubiegen)

Alternativlos?

Nun wurden drei verschiedene Szenarien untersucht, aber es gab die klare Ansage, dass die Verkehrslenkung Berlin nur die Variante mit dem Zweirichtungsverkehr als genehmigungsfähig ansieht. Sozusagen Alternativlos. Ich habe da aber Zweifel. Diese habe ich immer, wenn etwas als alternativlos dargestellt wird. Möglicherweise habe ich eine Alternativlos-Allergie.

Kritikpunkte am alternativlosen Entwurf

Und auch der aktuelle Planungsstand erweckt bei mir den Eindruck, dass es sehr wohl Alternativen geben muss. Denn das gelbe vom Ei ist auch dieser Entwurf nicht!

Es gibt einige Stellen, die zu hinterfragen und zu kritisieren sind:

  • Für den Radverkehr ist die künftige Lösung unzureichend. In der Bruno-Taut-Straße soll der Radweg direkt in den Wiesenweg geführt werden. Es ist kein Verschwenken auf die restliche Fahrbahn. Die Velo-Weichen (also separate Abbiegespuren für Radverkehr) sind mit 1,85 Meter zu schmal, wenn beidseitig PKWs fahren. Am Falkenberg und in der weiteren Bruno-Taut-Straße werden keine Radwege entstehen.
  • Für den Busverkehr halte ich die Lösung für zweckmäßig. Lediglich der Nachtbus ist unnötig weit vom Knoten entfernt.
  • Die Kreuzung Buntzelstraße/Richterstraße wirkt wie ein schlechter Scherz: Auf einer Hauptstraße eine Linksabbiegespur mit Platz für genau einem PKW. Ja, mehr geht nicht. Aber dann kann es wohl nicht diese Lösung sein.
  • Durch den Zweirichtungsverkehr fädeln sich die Fahrzeuge unmittelbar am Nadelöhr aus zwei Richtungen ein. Bekanntermaßen haben viele PKW-Fahrer eine Schwäche zu erkennen, ob sie eine Kreuzung verlassen können (Hier braucht es mind. die Mittellösung)
  • Für ein örtliches Zentrum in Stadtrandlage sind auch einige PKW-Stellplätze nötig, die mit diesem Entwurf wegfallen.
  • Unzureichende Fußgängerüberwege

Für den Einwohnerantrag!

Mich überzeugen die Argumente und Vorschläge – und werde mich eine Einbahnstraßenlösung einsetzen. Mit folgenden Prämissen:

  • Entlang des Ringes sollen durchgehende Radverkehrsanlagen (auf der jeweils zweiten Spur) eingerichtet werden.
  • Die Bushaltestellen sollen – so wie geplant – in die Richterstraße verlegt werden.
  • Im Umfeld der Taut-Passage sollen in einem gewissen Umfang Pkw-Stellplätze (nur Kurzzeitparken) und Anlieferverkehr erhalten bleiben.
  • Die Straßen sind bei der Umgestaltung so anzupassen, dass sie auch vom Verlauf her als Einbahnstraße auch wahrgenommen werden
  • An Zebrastreifen und Gehwegvorstreckungen sollte nicht gespart werden.

Zudem bietet die Fläche der heutigen Bushaltestellen auch Potential zur Entwicklung eines kleinen Stadtplatzes.

In der Hinsicht unterstütze ich den Einwohnerantrag und fordere ebenso die Umplanung beim Bezirksamt.

Und in der BVV?

Während die Piraten sich mit Vorausblick auf den Einwohnerantrag zurückhalten, starten CDU und SPD bereits mit Anträgen:

Die SPD fordert eine Variante für die Beibehaltung des Einrichtungsverkehr beim Bohnsdorfer Kreisel ein – und nimmt sprichwörtlich den Bürgerinnen und Bürgern die Butter vom Brot. Andererseits beschleunigt dieser Antrag in der gegenwärtigen Situation das Verfahren (Die BVV kann erst über den Antrag entscheiden, wenn die Unterschriften geprüft worden sind)

Die CDU fordert ein professionelles Baustellenmanagement ein – die Beruhigungspille für Bauvorhaben.

1 Durch die vielen Bauvorhaben in Grünau und Köpenick ist absehbar, dass der Bedarf der Linie 68 auf diesem Abschnitt auf einem 10-Min-Takt steigt. Da die Gleisschleife im Grünau zum Wenden nicht geeignet ist, wären ohnehin Baumaßnahmen nötig.

Nachträge

Ausschuss 11.05.

Zunächst die Erkenntnis: der Einwohnerantrag fordert nicht den Status-Quo, sondern einen „konsequenten Einbahnstraßenverkehr”. Im östlichen Bereich gibt es einen Abschnitt, der in beide Richtungen befahrbar ist. Dieser müsste dann ebenso umgewandelt werden.

Die zweite Erkenntnis: Der nun aufkommende Protest ist quasi sehr spät. Die Planung ist nun abgeschlossen, so dass nun sehr viel wieder aufgerollt werden muss. Das verursacht natürlich auch zusätzliche Planungskosten.

Ich merke selbstkritisch an, dass auch ich eine Teilschuld habe, nicht eher in diesen Planungsprozess eingegriffen habe bzw. die Stimmung vor Ort nicht aufgegriffen habe. Ich hoffe, dass ich nicht der einzige Bezirksverordnete bin, der sich auch an die eigene Nase greift.

Die dritte Erkenntnis: Die Wahrnehmung einer Bürgerversammlung kann zwischen Verwaltung und Bürgern sehr unterschiedlich ausfallen. Die Bürger fühlten sich nicht mitgenommen, die Verwaltung interpretiert das als „Was denn, hat nur ein Bürger was gesagt”.

Die vierte Erkenntnis: Die Verwaltung ist mäßig begeistert vom SPD-Antrag, eben wegen der Alternativlosigkeit. Es wurden zwar zwei andere Varianten mit geprüft, aber diese Entwürfe sind faktisch unbekannt. Man kann aber eine zweite Variante wohl aufzeigen, um mehr Zustimmung der jetzigen Lösung zu bekommen.

Im Ergebnis wurde der SPD-Antrag vertagt. Der CDU-Antrag ist wegen Ende der Sitzungszeit nicht mehr dran gekommen.

Anmerkung: Die beiden Bilder sind aus Wikipedia, CC-Lizenz

Bisherige Kommentare (1)

Kommentar von René

Randnotiz: Ich habe auch viele der Argumente gelesen. Ich möchte gerne einige inhaltlich auch entkräften:

  • Befürchtung vor Stau / Stau wird durch Umbau prognostiziert: Solange die S-Bahn-Unterführung das Nadelöhr ist, spielt es nahezu keine Rolle, ob der Verkehr zuvor an anderen Stellen verlangsamt wird (z.B. durch Zebrastreifen)
  • Kosten / Kostenexplosion durch Zweirichtungsverkehr: Wenn die Fahrbahn im Zug der Sanierung der Verlegung der Haltestellen aufgerissen wird, spielt es nahezu keine Rolle, was am Ende auf die Fahrbahn gepinselt wird.
  • Bedeutung von Kreisverkehren: Der Bohnsdorfer Kreisel ist kein Kreisverkehr im Sinne der Straßenverkehrsordnung. Es ist ein Ring an Einbahnstraßen.

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