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Brillenversicherung

Bei einem Besuch beim Optiker Brillen Joseph in Hamburg-Harburg. In der Tischmitte liegen Flyer für eine sogenannte Brillenversicherung herum. Im Verkaufsgespräch war es auch ein zentrales Thema.

Die Tarife klangen zunächst verlockend. Und wann immer das passiert, sollten Alarmglocken läuten. Die Grundregel unseres Wirtschaftssystems lautet nun mal: Niemand hat etwas zu verschenken.

Das Angebot setzt sich zusammen aus einer Brillenbonusversicherung (monatlich 7,90 Euro) und einer Brillenbonuskarte (einmalig 7,90 Euro). In Kombinationen umfasst dies:

  • Bei Brillendefekt (unabhängig vom Schadenseintritt außer Vorsatz): Ersatzbrille
  • Nach 2 Jahren: Zuschuss bei Brillenneukauf von 280 Euro
  • Bei Sehstärkenänderung 75% des Rechnungsbetrages, maximal 210 Euro

Im Gespräch stellte sich der gegenüber als derjenige dar, der diesen Versicherungsdeal vor zwei Jahren angestoßen habe. Das Gespräch war durchaus sehr interessant. Kleingedrucktes haben sie nicht in der Filiale vorrätig, die bekäme man ohnehin dann mit der Vertragsannahme zugeschickt (Vertragsabschluss via App in der Geschäftsstelle). Auf Nachfrage bekam ich noch einmal ein altes Formular, doch auch dieses enthielt nicht die Klauseln. Lediglich einige Punkte zu Datenschutz- bzw. Schweigepflichtentbindung.

Zunächst war es bemerkenswert, dass die Brillenbranche allgemein degradiert wurde: die Brillen würden heute generell nicht mehr so halten wie früher. Alles würde nur noch so hergestellt werden, dass es eben an die 2 Jahre hält. Würde es wesentlich länger halten, würden ja kaum noch Brillen verkauft. Tränendrüse, jaja.

Diese Aussage bestätigte aber mein Gefühl, dass dieser Anbieter fast nur noch Kunststoffgestelle in Angebot hat. Und die sind allesamt etwas labriger als meine letzte Brille aus Metall, die ich bereits deutlich länger als zwei Jahre habe.

Auf der Webseite klingt es dann etwas schöner formuliert:

Trend! Alle zwei Jahre wieder im Trend sein.

Im Grunde genommen wird das Ziel dieser sogenannten Versicherung klar: Es geht nur nebensächlich um eine Versicherung, es geht vor allem um die Frage, wo und wann du deine nächste Brille kaufen wirst. Denn rechnerisch hast du nach knapp 2 Jahren knapp 190 Euro einbezahlt. Dieser Betrag ist dann etwa auch der Zuschuss, der dann eben bei diesem Optiker (bzw. dessen Kette) gilt. Vor allem geht es aber auch darum, dass du möglichst nach diesen zwei Jahren eine neue Brille kaufst. Denn wenn du drei Jahre einzahlst, erhöht sich der Zuschussanteil nur noch geringfügig. Danach gar nicht mehr.

(Wie ich der FAQ entnehme, kann man diese Versicherung nach zwei Jahren jeweils jährlich kündigen. Der Brillenbonus käme also erst im dritten Versicherungsjahr. Wenn du also im Juli 2018 den Vertrag abschließt, würde der Bonus im Juli 2020 zur Verfügung stehen. Würde die Versicherung danach gekündigt werden, wurden für 2,5 Jahre diese Beiträge bezahlt (Anzahl also 237 Euro)).

Nun stellte ich die Frage, was im Falle einer Firmenpleite passieren würde. Ich wurde belächelt, nein ich wurde vom Verkaufspersonal ausgelacht. So eine Frage hatte noch keiner gestellt. Und er sei auch weit genug entfernt, sich darüber Gedanken machen zu müssen. Ja, bescheuerte Antwort, bei der ich mich als Kunde nicht ernst genommen fühlte. Mit „Nee, sorry. Muss ich mal prüfen” hätte man eine wesentlich elegantere Antwort mit ähnlichem Aussagegehalt. Aber auch hier gibt es eine interessante Antwort in der FAQ:

Ein zusätzliches Kündigungsrecht haben Sie, wenn der nächste angeschlossene Optiker mehr als 30 km von Ihrem Wohnort entfernt liegt. In diesem Fall besteht auch die Möglichkeit, in den leistungsähnlichen Tarif SuH umzustellen.

Wenn der Optiker also pleite geht, kann man diesen optikergebundenen Zuschuss in einen optikerneutralen umwandeln, kostet halt im Zweifel dann mehr Prämie (Eine genaue Höhe fand ich nirgends).

Neben der Zuschusskomponente gibt es noch die Risiko-Komponente. Verlust war nicht abgedeckt, Defekte schon. Auch zum Teil selbstverursachte Defekte. Ich hatte teilweise den Eindruck, dass das Gespräch die Grenze des Legalen bereits verlassen hatte und Vorschläge zum Vorsatzin locker-flapsiger Art im Raum standen.

Am Ende des Tages frage ich mich schon, ob man so einem Deal eingehen kann. Am Ende kann ich – auch aus Mangel des Kleingedruckten – diese Frage nur verneinen. Und lieber eine zuverlässige Brille, die länger als 2 Jahre hält. Wenn nicht hier, dann woanders.

Bytheway: Den Text habe ich im August 2018 geschrieben, aber noch nicht veröffentlicht. Als ich diesen im Mai 2019 nun vervollständigte, entdeckte ich, dass es Brillen Joseph bereits aufgekauft wurde – und auf deren Nachfolgerseite keine Silbe mehr von Brillenversicherung steht. Offensichtlich traf ich doch einen wunden Punkt. Der Versicherungskonzept selber scheint weiter um sich zu greifen. Mit wurde es zwischenzeitlich auch für Fahrräder angeboten.

Die Brückenschieber von Lübbenau

Durch meinen Job lerne ich immer wieder schöne Begriffe kennen: Heute ist es der Brückenschieber. In Lübbenau. Im Spreewald.

Der Spreewald ist voll von kleinen Kanälen. Viele davon wie ein Rinnsaal, manche auch beschiffbar. Um die Kanäle zu passieren, braucht es letztendlich Brücken. Davon gibt es viele.

Die wenigstens haben Rampen, fast alle mit Treppen. Und von denen haben zwar viele eine Schieberinne, um ein Fahrrad hoch zu schieben. Aber bei weitem noch nicht alle. Und zudem sind nicht alle Menschen kräftig genug ein Fahrrad hoch – und vor allem wieder sicher herunterzuschieben. Zudem sind Fahrräder mit elektrischer Unterstützung auch etwas schwerer, so dass die Brücken dadurch auch Schäden erhalten. So gibt es eben Überlegungen, diese Räder anders aufs andere Ufer zu befördern. Und da kommt eine Art Schlepplift ins Spiel, der sogenannte Brückenschieber.

Das ganze basiert auf einen Förderprojekt. Noch steht nicht ganz fest, welche Brücken es werden sollen (Siehe hier Präsentation Rad Statt Auto) . Dafür hakelt es auch schon Protest.

Sicherlich kann man über Optik noch streiten – und eine andere Gestaltung fordern. Man darf auch die Wahl des Weges diskutieren, wie es das NABU Calau tut (ich kenne nun den Wotschofskaweg – der ist nicht wirklich breit, andererseits die einzige Möglichkeit, Lübbenau in Richtung Nord-Ost zu verlassen). Man darf auch gerne Alternativen einwerfen, ich erinnere mich nur zu gut an die handbetriebene Fähre bei Den Haag (wobei dafür viele Kanäle zu schmal wären):

Die örtlichen Braunen reagieren aber mit Totalverweigerung und sehen das Abendland in Gefahr, wenn eine Kommune etwas für den Radverkehr tut. Und deshalb sammeln die nun Unterschriften für einen Einwohnerantrag:

Die Stadtverordnetenversammlung der Stadt Lübbenau möge beschließen, dass keine Brückenschiebe auf kommunalen Spreewaldflächen der Stadt Lübbenau gebaut werden.

Begründet wird dies wie folgt:

Der Bau solch einer industriellen Krananlagen über Spreewaldfließe im von der UNESCO geschützten Weltkulturerbe Biosphärenreservat Spreewald widerspricht den geltenden Richtlinien für das Naturschutzgebiet Biosphärenreservat Spreewald und geltenden Paragrafen aus dem Naturschutzgebiet, welches 1990 aus der DDR in das bundesdeutsche Recht übernommen wurde. Eine ausführliche Begründung erfolgt mündlich vor der Stadtverordnetenversammlung.

(Da ich auf braune Seiten nicht verlinke, tue ich es auch dieses Mal nicht!)

Wenn das Vorhaben gegen geltende Richtlinien verstoßen würde, so ist ein politischer Antrag das falsche Instrument. Es müsste viel mehr eine Klage erhoben werden. Aber so kann man gleich ein paar Horrorszenarien in die Welt streuen: eine industrielle Krananlage. Und eins haben diese Anti-Petitionen gemein: wenn es darum geht, etwas zu verhindern, dann können die lobpreisenden Umschreibungen des aktuellen Standes nicht wichtig genug klingen. Unter UNESCO, Biosphärenreservat und Naturschutzgebiet ist nicht. Konstruktive Ansätze für das eigentliche Problem sucht man dagegen vergeblich.

So viel zu der Frage, was Braune in der Lokalpolitik machen, wenn sie mal nicht gegen Menschengruppen hetzen…

Fahrradfreundliches Bad Harzburg

Sternstunden der Kommunalpolitik, heute die CDU-Fraktion in Bad Harzburg. Im Oktober 2018 reichten sie beim Rat der Stadt einen Antrag mit dem Titel Fahrradfreundliche Stadt Bad Harzburg – Regelungen in der Fußgängerzone ein:

Die Stadtverwaltung wird beauftragt, den Bereich der Fußgängerzone eingeschränkt auch für Radfahrer freizugeben. In der Zeit von 18 Uhr bis zum Ende des Lieferverkehrs am nächsten Morgen soll die Nutzung auch für Fahrradfahrer mit Schritttempo möglich sein. Die Umsetzung soll bis zum 1.4.2019 abgeschlossen sein.

Geschlechtergerechte Sprache

Eines der Themen dieser Zeit ist geschlechtergerechte Sprache. Also wie schreiben und reden wir, dass niemand ausgeschlossen wird?

Dies wird derzeit auch durch ein Urteil des Bundesgerichtshofes befeuert, bei der eine Sparkassen-Kundin einklagen wollte, dass in Formularen neben der Bezeichnung „Kontoinhaber” auch die Bezeichnung „Kontoinhaberin” geführt wird. Das Gericht kam zur Erkenntnis, dass durch die Verwendung der generischen Grundform keine Benachteiligung im Sinne des Allgemeinen Gleichbehandlungsgrundsatzes entsteht – und lehnte diesen Anspruch damit ab (siehe Pressemitteilung des Gerichtes).

Glücklicherweise hat jede Person in diesem Land das Recht, Dinge vor Gericht zu bringen. Es streiten nun viele, ob das Urteil dem Zeitgeist entspricht. Sachlich kann ich der Argumentation folgen: welche konkrete Benachteilung (oder auch Schaden) entsteht bei Formularen?

Wie jedes andere Regelwerk auch haben Sprachen Defizite. Und wie sich in den Debatten abzeichnet, ist der Umgang mit Geschlechtern nicht ganz so einfach. Manchmal schaue ich neidvoll nach England. Eine Person, die unterrichtet ist „teacher”. Wir müssen uns erst einmal keine Gedanken machen, welches Geschlecht diese Person hat, auch wenn die Tücken der englischen Sprache an anderer Stellen zum Tragen kommen (und es mit teacheress durchaus auch ein Pendent gibt). Im Türkischen wird zwischen er/sie/es gar nicht unterschieden

Im Deutschen leisten wie uns eine eigene Endung, um Personen des weibliches Geschlechtes einzeln und als Gruppe hervorzuheben. Denselben Luxus leisten wir uns nicht für Personen männlichen Geschlechtes bzw. Personen, die weder Mann noch Frau sind.

Wenn jemand von „Lehrern” im allgemeinen redet, würde ich nicht auf den Gedanken kommen, es könnten hier nur Personen männlichen Geschlechtes gemeint sein. Oder man würde bestimmte Personen degradiert „mitmeinen”. Es ist ein Generikum, weil das Geschlecht in den allermeisten Fällen keine Rolle spielt. Wenn ich ehrlich bin, will ich das Geschlecht nicht einmal wissen, sondern lieber das Schulfach. Ich denke da „Inklusiv”.

Nun gibt es Personen, die der Auffassung sind, dass – trotz des Mangels einer männlichen Endung – die generische Form nur Personen männlichen Geschlechtes enthalte – und dieses Defizit müsse nun mit Ergänzung der weiblichen Form beseitigt werden. Sie denken also „exklusiv”.

Das Problem dieser Logik ist allerdings: Es werden nun alle ausgeschlossen, die sich nicht einem dieser beiden binären Geschlechter zugehörig fühlen. Es ist kein Novum in unserer Sprache, das tun wir auch bei der Anrede „Sehr geehrte Damen und Herren”. Auch die Grünen schließen diese Personen sehr explizit aus, wenn laut Satzung Frauen und Männer abwechselnd bei Parteiveranstaltungen zu reden haben.

Die Stärke eines Generikums wird deutlich, wenn Worte in Kombination betrachtet werden. Nehmen wir als Beispiel einen Anwenderbetreuer. Auch hier sollte das Geschlecht keine Rolle spielen, auf beiden Ebenen. Also weder die Person, die die Maus schubst, noch die, die diesen Personenkreis betreut. Es böten sich nun vier denkbare Formen an: Anwenderbetreuer, Anwenderbetreuerinnen, Anwenderinnenbetreuer, Anwenderinnenbetreuerinnen. Und diese Anwender- und Anwenderinnenbetreuerinnen und Anwender- und Anwenderinnenbetreuer könnten auch einen Leiter bzw. eine Leiterin haben.

Nun kann man Sternchen, Unterstriche, Leerzeichen und weiteren Satz- und Sonderzeichen einfügen, um die Ausmultiplizierung der Formen zu vermeiden – auch wenn solche Zeichen sich in der Aussprache dann nicht wiederfinden (was vermutlich in bestimmten Kreisen gewollt sein kann).

Unbenommen lassen sich einige Fälle durch neutrale Wörter ersetzen wie Gast oder Mitglied. In jedem Fall geht das nicht. Als vor zwei Jahren die Berliner Studentenwerke in Studierendenwerke umbenannt bemängelte ich bereits, dass die Begriffe Studenten und Studierende nicht deckungsgleich ist. Der Student ist ein Status, weil eine Person an einer Hochschule eingeschrieben ist. Das andere bezieht sich auf die konkrete Tätigkeit. Es gibt Studenten, die nicht studieren et vice versa. Und in Bezug auf lebenslanges Lernen hätte die Umwandlung zu einem Studierendenwerk politische Akzente setzen können.

Eine Lösung dieser Problematik kommt nun ausgerechnet vom Postillion: eine männliche Geschlechtsendung:

Grundform
Bäcker Bäckerin Bäckerer
Frisör Frisörin Frisörer
Polizist Polizistin Polizister

Auch wenn dieser Ansatz Defizite hat (es ist ja ein Regelwerk) – und dann die Frage nach Artikeln aufkommt, so halte ich diesen Ansatz in Hinblick auf Eingriff in die Sprache, der Lesbarkeit und der Komplexität für zielführender. Wir können – wenn es im Einzelfall nötig ist – Männer und Frauen explizit ausweisen, ansonsten hätten wir ein Generikum ohne Doppeldeutigkeit. Und alle sind einbezogen.

Die Abgeordnetenehe Sachsen-NRW

Gleich und Gleich gesellt sich gern – das Sprichwort gilt wohl auch für Menschen mit extrem befremdlichen Positionen. Nun haben sich zwei Abgeordnete aus zwei verschiedenen Bundesländern zusammengefunden und haben die Heirat bekannt gegeben.

Nun lese ich bei Correctiv, die sich auf Recherchen vom ZDF-Magazin Frontal 21 berufen:

Verheiratete dürfen nur einen Hauptwohnsitz haben. Damit können sich Petry und Pretzell nicht gleichzeitig in Sachsen und NRW in den jeweiligen Landtag wählen lassen. Einer von beiden müsste abtreten.

Die Konsequenz dieses Artikels sei, dass ein Mitglied der künftigen Ehe auf das Landtagsmandat im jeweiligen Bundesland verzichten muss, weil das Mandat an die Existenz des Hauptwohnsitzes (oder korrekter: Hauptwohnung) gebunden ist – und der würde dann wahlweise nach Sachsen oder NRW schwenken.

Diese Information ist leider nicht zutreffend!

Das Problem dieser Rechtsauffassung ist: sie greift nur, wenn die beiden jeweils in die Wohnung des anderen ‚einziehen’. Und auch nur, wenn es eine „vorwiegend benutzte Wohnung der Familie” gibt.

Nach §17 Bundesmeldegesetz muss derjenige eine Wohnung melden, der in sie einzieht. Einen Einzug kann man sich auch im juristischen Sinne so mit Möbeln und Einrichtungsgegenständen vorstellen.

Wenn also Frau Pe. nicht in die Wohnung von Hr. Pr. einzieht und umgekehrt, haben beide nur jeweils eine alleinige Wohnung. Frau Pe. in Sachsen, Herr Pr. in NRW. In diesem Fall greift die Bestimmung nach §22 Bundesmeldegestz nicht. Denn dieser Paragraf regelt nur, welcher die Hauptwohnung ist – wenn mehrere vorliegen.

Ferner sagt §22: „vorwiegend benutzte Wohnung der Familie”. In diesem Falle werden wohl beide Partner glaubhaft machen können, dass diese Familie – eben auch durch die Wahrnehmung ihrer Mandate – keine Wohnung vorwiegend nutzt.

Eine Pflicht zum Zusammenziehen existiert nicht – und würde Artikel 6 Grundgesetz zuwiderlaufen.

Ich zitiere aus den Verwaltungsvorschriften zum Bundesmeldegesetz

Unterhalten Ehegatten oder Lebenspartner je eine eigene Wohnung, von denen keine vorwiegend gemeinsam benutzt wird und haben sie auch keinen gemeinsamen Schwerpunkt der Lebensbeziehungen, ist § 22 Absatz 1, 3 und 4 BMG nicht einschlägig. In diesem Fall ist für jeden Ehegatten oder Lebenspartner eine alleinige Wohnung im Melderegister einzutragen.

Mit der Fragestellung haben sich übrigens auch schon Gerichte beschäftigt, z.B. der bayrische Verwaltungsgerichtshof:

In besonders gelagerten Einzelfällen ist auch bei nicht getrennt lebenden Ehepaaren anzuerkennen, dass diese melderechtlich jeweils eine alleinige Wohnung haben können.

In eigener Sache: Ich betreibe seit 2005 die Webseite zweitwohnsitzsteuer.de – und beschäftige mich seitdem unweigerlich mit dem Meldegesetz. Zum Bundesmeldegesetz habe ich einen Kommentar verfasst

Update, 02.02.: Nun geistert die Rechtsauffassung von Frontal 21 durch alle Medien – und schürt falsche Hoffnungen. Mitunter führt diese Meldung auch zu völlig falschen Schlussfolgerungen wie bei Katalin Gennburg, Mitglied des Abgeordnetenhauses:

Sich wählen lassen wo man wohnt, Politik macht und Ahnung hat? Nicht mit diesen AfD-Eliten, pfft! Fern von den Menschen.

Aus der falschen These, dass Familien zwingend eine gemeinsame Wohnung benötigen, wird nun geschlussfolgert, dass die beiden nicht da Politik machen, wo sie wohnen.

Update, 03.02.: Wenn ich die §§-Brille des Meldegesetzes ablege, frage ich mich, wie dieses Musterbeispiel der modernen Patchworkfamilie und mit getrennten Wohnungen zum angestaubten und extrem rückständigen Menschenbild ihrer Partei passt.

Update 05.02.: Diese Fehlinterpretation des Gesetzes stammt von Joachim Wieland, Professor für Öffentliches Recht an der Deutschen Universität für Verwaltungswissenschaften Speyer. Frontal 21 gab eine weitere Pressemitteilung heraus, in dem dieser Professor erklärt:

Eine Allgemeine Verwaltungsvorschrift kann nach dem verfassungsrechtlichen Grundsatz des Vorrangs des Gesetzes die gesetzliche Regelung nicht abändern

Das mag ja sein. Nur erklärt diese Verwaltungsvorschrift nur das, was zuvor in Paragrafen schon im Gesetz steht. Ich finde es ungeheuerlich, wenn Rechtsprofessoren mit eigensinnigen Argumentationen ins Rennen gehen.

Anmerkung: Mein Beitrag geht von der Annahme aus, dass der Schwerpunkt von Hr. Pr. tatsächlich in NRW liegt. Ich erwarte von den Meldebehörden, dass sie die Meldung auch prüft – insbesondere hinsichtlich der Tragweite der Konsequenzen bei Falschmeldung.

Ignorante Verkehrsunternehmen: die EVAG

Es gibt durchaus Verkehrsunternehmen, die die Anliegen der Fahrgäste ernst nehmen, heute möchte ich eins vorstellen, welches nicht dazu gehört: die EVAG. Nein, nicht die Erfurter – gemeint ist hier die Verkehrs-AG im Kultudrechsloch 2010, Essen.

Fährt man einmal durch die Stadt, kann man bereits viele Fehler der vergangenen Jahre erkennen. In der blinden Hoffnung, das Netz in kürzester Zeit von Meterspur auf Normalspur umstellen zu können, wurden viele Straßenbahnlinien totgemacht und das Netz wurde durch zwei Spurweiten und der teilweisen Tunnelung sehr unflexibel. Verglichen mit anderen Städten dieser Größe wie Düsseldorf oder Leipzig ist das verbliebene Netz verhältnismäßig klein (zudem befinden sich an den meisten Stadtgrenzen weitere Großstädte).

Während die Straßen-/Stadt-/U-bahnen tagsüber fast alle einen 10-Minuten-Takt haben, gibt es so etwas nur bei einer einzigen Buslinie. Selbst Hauptlinien fahren meist nur im 20-Minuten-Takt und werden lediglich im Berufsverkehr verstärkt. Das ist durchaus akzeptabel – würde man nicht die Zeiten des Berufsverkehrs äußerst knapp halten: auf vielen Linien beginnt er früh 7 Uhr und endet ca. 8:10 Uhr (+/- eine Viertelstunde je nach Haltestelle auf der Linie). Die Folge: bis zum Ende des Berufsverkehrs sind die Linien massiv überfüllt.

Zu spüren ist das beispielsweise auf der Linie 142 zwischen dem Ende der U11 und einem Büropark Bredeney – und zwar so, daß in den darauffolgenden Bussen regelmäßig Fahrgäste nicht befördert werden können, weil der kleine Bus einfach überfüllt ist. Hin und wieder ermuntert der Busfahrer näher zusammenzurücken – aber irgendwann ist der Bus wirklich voll. Die Folge: der Bus verspätet sich durch das Zusammenrutschen um ca. 5 Minuten, die stehen gebliebenen kommen unverschuldet 20 bis 25 Minuten zu spät am Arbeitsplatz an und die Weiterfahrt ist alles andere als – wie umworben – „stressfrei”.

Da ich für diese Beförderung immerhin über 50 Euro (!) für die Monatskarte im Stadtgebiet Essen bezahle, schrieb ich die Verkehrsbetriebe an, diesen Umstand zu lindern. Möglich wäre eine Taktverdichtung bis zum Ende des Berufsverkehrs oder den Einsatz langer Busse – und um es vorweg zu nehmen: ich fühle mich ehrlich gesagt von dem Unternehmen verarscht!

Zuerst wollte man eine Verkehrszählung durchführen und danach den Takt anpassen. Man hätte zwar auch einfach die Busfahrer fragen oder auf die bei der EVAG schon penetrant gewordene Videoüberwachung zurückgreifen können (einen Taschendieb wird man auf den Videos bei dem Füllstand eh nicht erkennen können) – aber dann hat man wenigstens fundierte Zahlen.

Als ich in den nachfolgenden Wochen allerdings niemanden im Bus sah, der irgendwie Fahrgäste notierte, fragte ich bei den Verkehrsbetrieben wieder nach. Ob ich das Märchen glauben soll, daß diese in zivil gekleidet sind und die Zählung unbemerkt machen? (Ich kenne es von anderen Städten, da haben die Zähler Klemmappen und verlassen an jeder Haltestelle den Bus und notieren Zu- und Ausstiege)

Als ich nach einem Monat immer noch kein Lebenszeichen über die Zählung erhalten habe, fragte ich bei den Verkehrsbetrieben wieder nach. Nach unzähligen Erinnerungen erhielt ich eine knappe Antwort, daß eine Taktverdichtung nicht geplant ist. Auf eine Antwort, daß ich die Ergebnisse der Verkehrszählung gerne sehen möchte, warte ich nun schon zwei Monate. Ich habe das dumpfe Gefühl, daß es gar keine Verkehrszählung gab.

Durch so viel Ignoranz fällt es mir als umweltbewußter Befürworter von ÖPNV schwer, in der Stadt weiterhin den Nahverkehr zu nutzen.

Lesbarkeit der Belege

Wir sehen hier zwei Belege der Elektronik-Kette Conrad. Der eine ist, wie man klar und deutlich erkennen kann, aus dem Jahre 2007. Der andere, wie man bei genauen Hinschauen noch erahnen kann kann, von 2015:

Ist das Taktik, dass das Papier nicht einmal die zweijährige Gewährleistung übersteht? Habe ich als Kunde Nachteile, wenn mir der Händler Belege liefert, die ich – ohne Eigenverschulden – nicht mehr lesen kann? Oder wird von mir erwartet, jeden Beleg noch einmal durch einen Kopierer zu jagen?

Zahlenspielerei

Aus einer Anfrage zum Radverkehr im Abgeordnetenhaus

An den ca. 1600 km Hauptverkehrsstraßen sind schätzungsweise ca. 1500 km Radverkehrsanlagen und ca. 100 km für den Radverkehr freigegebene Bussonderfahrstreifen vorhanden.

Mal vom baulichen Zustand der einzelnen Anlagen abgesehen, suggeriert diese Zahl, dass es quasi keine Hauptstraße mehr gibt, in dem nicht irgendein Angebot für Radfahrer besteht. Also eine 100%-Quote.

Wenn man bedenkt, dass an einer Hauptstraße zwei Radverkehrsanlagen (für beide Richtungen) benötigt werden, so haben wir nur noch 50%. Und das ist wenig!

Fanartikel-Gedöns

Irgenwie muss demnächst wieder ein Länderwettbewerb in irgendeiner Sportart stattfinden. Anders ist es nicht zu erklären, wenn auf irgendwelchen Produkten Nationalfarben kleben, mir irgendwelche Leute irgendwelche Spielpläne in die Hand drücken wollen und an Supermarktkassen Papiermüll in Form von Spielerfotos mir nachgeworfen wird.

Ja, es ist schwer, sich dem zu entziehen. Und es fällt auch schwer, immer freundlich klar zu machen, dass ich diesen Scheiß nicht möchte!

Letzens an der Kasse: „Dann geben sie es doch den Kindern da draußen?” – „Was sollen die Kinder mit dem Müll?”

Nun landet eine Aktion besonders kapitalismuskritscher Menschen unter dem sogenannten Label „Antifa” in meinen Radar (siehe https://linksunten.indymedia.org/de/node/180328 ). Sie rufen zum kollektiven Sammeln dieser Fan-Artikel auf – in Form von Diebstahl. Besessene werden sich wohl nicht lange ärgern und Ersatz beschaffen. Besser kann die Fifa den Verkauf der Fanartikeln auch nicht ankurbeln! Kopf zu Tisch