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Rakiraki - Das Dorf oder die Stadt oder ich weiß es nicht

Im strömenden Tropenregen erreichten wir unser erstes Fiji-Ressort Wananavu. Wir bezogen das Quartiert. Da im Ressort die Getränke nur zur zu gastronomischen Preisen zu beziehen war, beschloss ich zu einer Kaufhalle zu fahren und Getränke und Lebensmittel zu beschaffen.

Ich fragte den Pförtner, wo es einen Supermarkt gibt. Und er sagte, dass es das erst in Rakiraki geben würde. Mehr wusste er auch nicht. Google auch nicht. Google kannte immerhin Adams Supermarkt.

Der Regen ließ nach – und ich stieg in den Mietwagen und verlasse das Ressort.

Dabei enden auch die unzähligen Kokospalmen am Wegesrand. Es folgten verdorrte Felder. Hier und da eine Hütte, die kaum größer ist als eine Laube in einer Kleingartenkolonie, nur dass da teilweise ganze Familien drin wohnen.

Manche waren auch verweist. Müll gab es zwar auch, aber erstaunlich wenig.

Zugegeben: Der Ort ist gar nicht so leicht zu finden. Dabei ist er flächenmäßig ziemlich groß. Es ist der gesamte Nord-Nordosten der Hauptinsel, inklusive unserem Ressort. Extrem zersiedelt. Der zentrale (Markt-)Platz ist in etwa da, wo in Google Maps Valeika eingezeichnet ist. Dort gibt es auch Adams Supermarkt.

Viel gibt es jedenfalls nicht in Google Maps zu sehen. Während der Kartendienst für Japan jede Rolltreppe einer U-Bahn-Station kennt, gibt es hier nicht einmal alle Straßen. Das macht die Orientierung schwer. Und selbst bei den vorhandenen Straßen kann man sich nicht verlassen, dass eine am rechten Straßenrand eingezeichnete Tankstelle tatsächlich am linken Straßenrand steht. Vielleicht auch am rechten Straßenrand. 200 Meter später. Ich habe mehr Tankstellen am Ende gesehen, als eingezeichnet waren.

Nächste Erkenntnis: Es gibt auf Fiji keine Hausnummern. Nur Straßennamen. Es steht auch nichts an den Gebäuden dran. Immerhin funktioniert GPS.

Mir fallen sehr viele Schulen am Wegesrand auf. Bestimmt fünf oder sechs Schulen. Viele Kinder. Und viele Schulbusse (Später erfahren wir, dass die Schulzeit 8-13 Jahre dauert und mit 5 Jahren beginnt. Eigentlich sehr gut!).

Ich hielt an einer Tankstelle an. Das Angebot des Tankstellenshops war schon etwas besonders. Getränke, vor allem mit Zucker, gab es in allen Facetten. Fast alles gekühlt. Daneben nur noch Chips, etwas Dosenfutter und 15 Sorten (Speise-)Öl.

Der zweite Shop am Wegesrand war noch kurioser. Ich betrat den Laden – und hatte ca. 1 Quadratmeter für mich begehbare Fläche. Alles um mich herum war vergittert und vernagelt. Hinter den Gittern gab es Regale, auf denen grob das selbe Sortiment zu erkennen war. Und eine Frau, die auf meine Bestellung wartete. Ich ging rückwärts wieder raus.

Dritter Tankstellen-Shop. Ich wechselte mit der Verkäuferin einige Worte. Sie fragte mich, wie ich Fiji finde – und ich antworte „Schön, aber der viele Regen!” Sie freute sich dagegen, dass es nun endlich regnet – wegen der langanhaltenden Dürre. Ich kenne diese Diskussionen aus Deutschland zur Genüge. Sie fragte mich, wo ich untergekommen bin, ich nannte das Wananavu-Ressort. Sie antwortete: „Oh, what a beautiful place!”

Ihre Reaktion geisterte noch ein wenig in meinem Kopf herum. Sicherlich sagt man so etwas aus Höflichkeit, man kann je schlecht einem Touri sagen, dass dieses Quartier vollkommen versnobt oder abgehoben sei. Und vor allem nix mit „The Real Fiji” zu tun hat (das steht am Eingang zum Ressort). Aber ich fragte mich schon, ob diese Person in diesem winzigen Laden, wo es zwischen Motorenöl und Scheibenwischern Babywindeln zu kaufen gibt, jemals so ein Ressort von Innen gesehen hat, um den Unterschied zwischen der Welt hier draußen und der Welt im Ressort zu kennen.

Ich verließ die Kings Road (das ist die Ringstraße auf der Hauptinsel) – und fuhr über einen Berg.

Dann erreiche ich etwas, was man durchaus Dorfplatz nennen konnte. Es war das Zentrum der Stadt Rakiraki. Nun gibt es aber keine Präsentation der touristischen Sehenswürdigkeiten dieses Ortes. Falls es welche geben sollte: Ich habe sie nicht gefunden. So wie ich den Ort fast nicht gefunden habe.

Hier häuften sich die Geschäfte. Eins neben dem anderen. Hier stehen auch richtige Häuser, die meisten zweistöckig, einzelne sogar dreistöckig. Und einige Bauruinen. Und es gibt sogar Fußwege.

Ich betrete ein Bekleidungsgeschäft – und kaufe mir spontan auch ein Fiji-Hemd. Um die 25 Fiji-Dollar, also 10 Euro. Die Hemden sind zwar farbenfroh, bestehen aber im Grunde nur aus einer Grundfarbe und vielen Mustern.

Apotheke. Ich kaufe Paracetamol – und bekomme drei Blisterfolien, die mit einem Gummi zusammengehalten werden. Hergestellt in Indien, beschriftet mit russischen Buchstaben. Kosten dafür: 1 FJD. Also ca. 40 Cent. Dagegen ist das Anti-Mosquito-Spray mit 14 FJD recht teuer. Das Zeug scheinen Einheimische auch nicht zu nehmen. Immerhin fühlt sich das einheimische Spray nicht ganz so klebrig-giftig an, wie das DEET-Spray.

Banken, Vodafone, ja richtige Supermärkte für Fiji-Verhältnisse. Mindestens 4. Die Polizei, die Feuerwehr, Elektronikmärkte, Märkte für Heimwerkerbedarf („Hardware”). Und die Vollzugsanstalt für die kleineren Vergehen:

Der örtliche Busbahnhof und die Taxistände:

Und unzählige Leute. Das ganze sind letztendlich vier kurze Straßen, die einen Platz umschließen. Verlässt man dieses Quadrat steht man schon auf dem Feld. Es hätte was für eine Filmkulisse.

Ich betrat also nun den ersten richtigen Supermarkt. Er ist ziemlich heruntergekommen.

Das Angebot ist schon besser, keine Frage. Aber Obst bekommt man hier kaum. Es gab eine Kühltheke mit Äpfel, Birnen und Mandarinen. Karotten (werden hier gekühlt verkauft – warum auch immer).

Daneben gibt es noch Kartoffeln, Zwiebeln, Ingwer und Knoblauch. Und jede Menge indische Gewürze. Klar.

Kühlschränke, in denen das Fleisch ohne jegliche Verpackung drin liegt. Daneben ein kompletter Gefrierschrank, in dem die Hühner in Folie abgepackt (so wie bei uns) verkauft werden (und manche kaufen davon auch gleich 10 Tiere). Chips und Schokoriegel gibt es hier auch. Beliebt sind wohl auch Brausepulver zum Selbstrühren.

Klimageräte? Die gibt es wohl nur in den Touristenunterkünften. Das höchste der Gefühle in einer Kaufhalle ist ein Ventilator.

Es ergab sich wieder ein Gespräch mit dem Verkäufer. Wieder fragte er, wo ich untergekommen bin. Nun aber fragte ich zurück: Kannte er den Ort denn wirklich? „Ja, klar. Ich habe da früher mal gearbeitet.”

Ich betrat noch einen weiteren Supermarkt. Weitestgehend das gleiche Sortiment. Immerhin: dieser hatte keine defekten Fliesen auf dem Fußboden.

Etwas überrascht war ich beim örtlichen Elektronikgeschäft. Ein 65-Zoll-Fernseher für knapp 2000 Fiji-Dollar, also um die 800 Euro. Damit war noch nicht einmal die Unterkunft ausgestattet. Und der Laden hatte – anders als diese Tankstellenläden – auch nicht gerade eine gute Sicherung.

Der eigentliche Marktplatz war auch schon krass. Da saßen die Verkäufer auf dem Boden, um sich herum eine Traube von Tellern mit Obst und Gemüse. Fast alles war durch den Regen irgendwie nass. Ein Schälchen Tomaten für einen Fiji-Dollar. Kaum ein Tisch, kaum eine Bank. Auf der einen Seite dachte ich: Unterstütze die örtlichen Händler (bzw. Bauern) und genieße das einheimische Essen. Auf der anderen Seite schreckte mich der Marktplatz aber auch ab.

Ein Taxifahrer fragte freundlich, ob er mich fahren kann.

Direkt neben diesem Marktplatz wird gebaut. Die Stadtverwaltung plant den Neubau eines Marktes. Ein Hochglanzfoto eines Neubaus – mit asphaltierten Straßen. So etwas kenne ich auch in Deutschland: Hochglanz-Bilder von Bauprojekten, die mit der künftigen Realität nix gemein haben. Zumindest fehlt mir jegliche Fantasie, im Rohbau das geplante Gebäude erkennen zu können.

Gleich hinter diesen Gebäude fließt ein kleiner Bach, dessen Name ich nicht in Erfahrung bringen konnte. Es gibt eine Brücke. Nur einspurig. Immerhin mal eine mit baulich getrenntem Fußweg. Die Autos fahren auf Holzbrettern darüber. So sehen in Fiji übrigens viele Brücken aus.

Am Fluß gab es einen Hinweis, dass Müllentsorgung verboten sei. Höchststrafe 40 FJD. Also umgerechnet um die 15 Euro. Ein Schulbus fährt drüber, ein paar Kinder winken mir zu. Einer warf Abfall raus – und fühlte sich stark. Hatte was von Mutprobe.

Ich kam mir auf diesem Marktplatz wie ein Fremdkörper vor. Und mit Digitalkamera auch deutlich als solcher zu erkennen. Andere Touristen sind mir hier nicht begegnet. Trotzdem hatte ich nirgends das Gefühl, dass ich Angst haben müsste, überfallen zu werden. Im Gegenteil. Selbst als mir eine Gruppe kräftiger Männer entgegen kam, grüßten sie mit „Bula bula”. Manch einer fragte auch noch „How are you” – dann folgen die klassischen britischen Dialoge „I’m fine. And you?” – „Me, too.”. Es gab auch niemand, der um Geld gebettelt hat. Ein angenehmes Markttreiben.

Und das ist auf der anderen Seite auch das, was mich hier beeindruckt hat: Die meisten Leute hier sind aus unserer Sicht arm, also finanziell. Sie leben in kleinen Hütten und haben oftmals so wenig, dass sie diese Wohnungen nicht einmal verschließen müssen. Aber sie gehen mit einer Freude durchs Leben, was ich so in der Form in Deutschland oder anderen Industrienationen nicht kenne.

Ich habe mein Wasser übrigens bekommen. Und eine Cola Light. Ich griff übrigens gleich zum noblen Fiji-Wasser. In Fiji kostet die 1,5-Liter-Flasche fast überall 3,20 FJD (also ca. 1,30 Euro). Das bekommt man auch hin und wieder in Deutschland zu kaufen – zu sehr teuren Preisen. Man sollte sich nur bewusst machen, dass diese Pulle dann einmal komplett um die halbe Welt gereist ist.

Zurück zum Auto. Ein Passant lehnte sich am Wagen und ruhte aus. Als er bemerkte, dass ich das Auto öffnete, grüßte er. Natürlich mit „Bula Bula”. Ich fahre los. Zurück zum Ressort.

Ich lese wieder am Eingang des Ressort die werbenden Worte „The Real Fiji”. Und ich bin mir nun sicher, dass ich das echte Fiji kennengelernt habe. Nicht im Ressort. Auf dem Marktplatz von Rakiraki.

Mein Tipp also: Geht raus den Ressorts und schaut euch das Land an!

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