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Flugscham

Ein neues Wort am Debattenhimmel: Flugscham.

Dahinter steckt im Grunde nichts anderes, als das Bewusstsein, dass Fliegen die unökologischste Form der Fortbewegung ist. An sich ein guter Term, um das eigene Verhalten zu reflektieren und zu hinterfragen, ob zum Erreichen eines Reisezieles der Flug wirklich eine vernünftige Wahl ist.

Doch die politische Debatte entgleist auch dieses Mal völlig. Auf dem einen Extrem sitzen diejenigen, die am liebsten jegliche Form des Fliegens unterbinden wollen – weil eben andere Verkehrsmittel ökologischer sind und der Zweck jeglichen Fernreisewunsches in Frage gestellt wird. Und auf dem anderen Extrem werfen Menschen den umweltbewussten Menschen Doppelmoral vor, falls sie doch mal einen Flieger nutzen. Im Zentrum der Debatte steht die 16 jährige Greta, die per Zug die verschiedenen Friday-for-Future-Demonstrationen bereist und deren Überfahrt nach Amerika das reinste Medienspektakel ist.

Ich selbst saß im letzten Jahr zwölf Mal im Flugzeug. Es stand eine Reise ans andere Ende der Welt an. Ich bereiste Japan, Fiji und Neuseeland mit Stop-Over in Hong-Kong. Die Ökobilanz ist zweifelsohne katastrophal, keine Frage. Aber ohne Flugzeug wäre so eine Reise quasi nicht möglich. Zumindest nicht innerhalb eines Zeitraumes von 2 Monaten – und mehr hätten wir arbeitstechnisch nicht am Stück fernbleiben können. Allein zwischen Hong-Kong und Japan beträgt der Seeweg gut 4 Tage – ohne Halt. Wobei man sich auch dann um die Ökobilanz von Schiffen Gedanken machen sollte. Um auf Fiji die Insel Taveuni zu bereisen, kann man das zweimal täglich per Flugzeug – oder einmal wöchentlich mit Schiff (und dann auch nur von der Hauptstadt aus – am gegenüberliegenden Punkt der Hauptinsel, wo der internationale Flughafen ist).

In jedem Fall bin ich dankbar, dass ich Länder, andere Kulturen und auch andere Naturphänomene am anderen Ende der Welt kennen lernen durfte – wohlwissend, dass nicht alle Menschen so einen Luxus genießen können. Auf Fiji kam ich mit einigen Menschen ins Gespräch, die wohl in ihrem Leben nie die Möglichkeit haben werden, ihre Insel zu verlassen.

Ich saß allerdings im letzten Jahrzehnt in keinem innerdeutschen Flug. Flugreisen zu Zielen, die ich auch ohne Flugzeug in einer akzeptablen Zeit erreichen kann, sind mir ein Dorn im Auge. Zum Beispiel eine Fahrt zwischen Berlin und München:

  • Mit dem Zug ca. 4h Stunden
  • Mit dem Auto ca. 6 Stunden
  • Mit dem Flugzeug ca. 1 Stunde (reine Flugzeit)
  • Mit dem Flugzeug ca. 4 Stunden (mit Check-In und S-Bahn-Verkehr)

Neben der Flugzeit kommen allerdings noch die Kosten hinzu. Wenn eine Einzelfahrt (ohne Bahncard) zwischen Berlin und München derzeit satte 153 Euro kostet, so läuft die Preisgestaltung völlig aus dem Ruder. Aus finanzieller Sicht ist es wesentlich attraktiver, diese Strecke mit dem Flugzeug zu nehmen. Wer als Familie reist, für den wird das Auto haushoch herausstechen, weil nicht jedes Mitglied extra kostet.

Als ich vor einigen Jahren öfters zwischen Berlin und München reisen musste, wählte ich gerne die Bahn, die damals noch ca. 6 Stunden dauerte (War sehr praktisch: Sonntag abend fuhr ich nach München, nutzte die Bahnfahrt zum Arbeiten. Donnerstag abend ging es zurück, auch hier nutzte ich diese Zeit. Freitag als Ausgleich frei. Das war wunderbar und wäre mit Flugzeug so nicht gegangen. Aber zugegeben: Die meisten Kollegen entschieden sich dennoch für’s Flugzeug.

Nun kann man natürlich an das Gewissen der einzelnen Personen appellieren, auf den Flug zu verzichten. Eben Flugscham. Das mag den einen oder anderen zum Umdenken animieren. Und sicherlich weitere Menschen in die Haltung versetzen: “Ich würde ja gerne, nur $Gründe.” Diese Gründe sind meist Gesamtreisezeit (inklusive Takt) oder Gesamtpreis. Selten auch Komfort.

Nun kann Politik mit Verboten arbeiten, das sehe ich aber als Ultima Ratio. Viel nachhaltiger ist es, an diesen Gründen zu arbeiten. Damit auch ohne das Gefühl eines Verbotes mehr Menschen in ihrer persönlichen Abwägung zu einem ökologischeren Verkehrsmittel greifen.

So lange die Bahn noch in Staatshand ist, kann sie auf die Preise Einfluss nehmen. Und durch Ausbau von Strecken auch auf die Zeit. Damit wird die Bahn zwar ein Zuschussgeschäft, aber das sollte es eben uns gesellschaftlich wert sein. Allein der Ausbau der Strecke zwischen Berlin und München zeigt doch eine tolle Wirkung. Plötzlich nehmen mehr Leute den Zug. Damit werden wir künftig weniger Flüge brauchen.

Gerne kann auch der Flugverkehr stärker belastet werden. Wenn alleine jeder Einstieg in ein Flugzeug 50 Euro zusätzliche Gebühr kostet, macht das vor allem kurze Strecken teurer. Bei einer Reise nach Japan, Fiji und Neuseeland würden diese 600 Euro den Braten nicht mehr fett machen.

Von daher halte ich es sinnvoll, den Fokus auf alle vermeidbaren Strecken zu legen, wo wir ohne nennenswerte Einschränkungen einen Großteil des Flugverkehres reduzieren können. Wenn uns dann noch gelingt, all die Geschäftsreisen in ferne Länder zu minimieren (bspw. durch Videokonferenzen), dann verbleiben in den Flugzeugen Menschen, die ferne Länder und Kulturen kennen lernen wollen.

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